Anmerkungen zu „Ungesunde Genüsse“

Frederike Theuerbier ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Frederike

Selbstdisziplin, Impulskontrolle und die Versuchung um 22 Uhr

Ein Einkauf im Supermarkt kann zum Charaktertest werden: Schokolade, Lakritze, Chips und Alkohol bleiben im Regal. Die Selbstdisziplin scheint zu siegen. Doch wie lange hält der gute Vorsatz? Ein Gespräch über Impulskontrolle, Selbstregulation, Belohnungsaufschub und die Schwierigkeiten, sich selbst nicht ständig in die Quere zu kommen.

Selbstdisziplin: Verzicht für mehr Lebensqualität?

In deinem Lied beschreibst du jemanden, der im Supermarkt allen Versuchungen widersteht: Schokolade, Lakritze, Alkohol – nichts kommt in den Einkaufswagen. Am Ende darf er sich deshalb als „konsequent, beherrscht und grundvernünftig“ fühlen. Psychologisch betrachtet ist Selbstkontrolle eine wichtige Fähigkeit. Aber wann wird sie zur Selbstinszenierung? Genießen wir vielleicht sogar das Gefühl, etwas nicht zu tun, weil wir uns dadurch moralisch überlegen fühlen können?

Lass mir doch wenigstens diesen Genuss! Nein: Ich verzichte nicht aus Lust, sondern weil ich meine Lebensqualität erhalten möchte. Je älter du wirst, desto direkter bekommst du die Quittung, wenn du über den Zappen haust. Zucker macht Gelenkschmerzen. Alkohol nimmt gefühlt am nächsten Tag die Hälfte deiner körperlichen Leistungsfähigkeit weg. Wenn du dick wirst, geht das auf den Kreislauf, die Knochen ... Soll ich weitermachen?

Belohnungsaufschub: Wird Selbstdisziplin im Alter schwieriger?

In der Verhaltenspsychologie spricht man vom Belohnungsaufschub: Man verzichtet auf eine unmittelbare Belohnung, um einen späteren, größeren Nutzen zu haben. Glaubst du, dass sich deine Fähigkeit zum Verzicht mit den Lebensjahren verändert hat? Ist das tatsächlich mehr Selbstdisziplin geworden – oder schlicht die Erfahrung, dass man für manche Vergnügungen am nächsten Morgen einen ziemlich hohen Preis bezahlt?

Ich habe den Eindruck, dass auch die Selbstdisziplin ein Muskel ist, der im Alter eher schwächer wird. Der muss trainiert werden. Meine Impulskontrolle ist jedenfalls schlechter geworden und funktioniert in erster Linie über Drohung: Wenn du das machst, dann hast du morgen die Quittung.

Impulskontrolle: Der Konflikt zwischen Genuss und Vernunft

Du beschreibst eine nachlassende Impulskontrolle, die durch einen inneren Warnmechanismus kompensiert wird. Nicht die Aussicht auf eine Belohnung motiviert dich, sondern die Erinnerung an unangenehme Konsequenzen. Ist das auf Dauer eine befriedigende Lebensstrategie? Oder entsteht dadurch ein Konflikt zwischen dem Menschen, der jetzt etwas genießen möchte, und dem Menschen, der morgen mit den Folgen leben muss?

Dieser Konflikt besteht. Dieser Spruch: „Ach komm, was soll's! So jung kommen wir nie wieder zusammen! Schenk noch mal ein! Lass uns noch eine rauchen!“ Der wird teurer, wenn du älter wirst. Das ist ganz sicher unbefriedigend und ich muss aufpassen, dass mich das nicht übellaunig macht. Es ist auf Deutsch gesagt ein Scheißspiel.

Selbstregulation: Warum die Versuchung am Abend größer wird

In der Psychologie wird diskutiert, wie anstrengend fortwährende Selbstkontrolle sein kann. Dein Lied endet allerdings mit einer bemerkenswerten Pointe: Selbst wenn du den Supermarkt erfolgreich verlassen hast, kannst du dir die Sache zu Hause bis 22 Uhr noch einmal anders überlegen. Ist das eine Form von Selbstironie? Versuchst du damit, den Konflikt zwischen Vernunft und Lebenslust zu entschärfen?

Es ist die Bemühung, den Song mit einem lachenden Auge zu beenden. Der Impulskontrolle den Finger zu zeigen. Im Supermarkt ist die Selbstregulation ja noch einfach. Zu Hause vor dem Bildschirm, auf dem Sofa: Da wird es schwer und schwerer, gerade wenn der Abend fortschreitet.

Ich habe das schon durchgezogen. Ich bin um 21.50 Uhr schnell noch mit dem Auto hingefahren. Mach mal einen Feldversuch: Guck dir mal an, was die Leute kurz vor 22.00 Uhr aufs Rollband legen!

Charakterschwäche oder Menschlichkeit? Willkommen im Club!

Du beschreibst den Konflikt zwischen unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung und langfristiger Selbstfürsorge. Vielleicht ist die entscheidende Frage aber gar nicht, wie wir unsere Selbstkontrolle verbessern, sondern wie wir mit unseren Schwächen umgehen. Sollte man sich selbst gegenüber nachsichtiger sein, statt aus jeder kleinen Versuchung gleich eine Charakterfrage zu machen?

Ich will einfach nur sagen: Willkommen im Club! Ich freue mich, wenn ich mit so etwas nicht alleine bin. Mit dem Kampf und mit der – wie soll man sagen? – Charakterschwäche? Mit dem Ausbalancieren? Ich weiß es nicht. Du weißt ja: Niemand braucht Ratschläge!