Anmerkungen zu „Weihnachten für alte Hasen“

Schwester Herta ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Schwester Herta.

Weihnachten für alte Hasen: Es muss nicht immer supertoll sein

Ein Streitgespräch über Weihnachtsstress, Besinnlichkeit und die Freiheit, einfach nach Hause zu gehen

Herr Cordes, Ihr Lied reduziert Weihnachten auf Gemütlichkeit und gutes Essen. Ist Ihnen der eigentliche Sinn des Weihnachtsfestes zu anstrengend geworden?

Ja. Mir ist dieser ganze erzwungene Kram zu anstrengend geworden. Mir ist dadurch Weihnachten zu einer lästigen Pflichtübung geworden und Stress: alle müssen mindestens angerufen werden, besucht werden, es muss harmonisch sein, alle müssen sich lieb haben - aber so ist es ja einfach nicht. Man kann das nicht erzwingen, bloß weil Weihnachten ist. Was ist denn der "eigentliche" Sinn des Weihnachtsfestes? Die religiöse, spirituelle Dimension ist für mich völlig überdeckt von Tannengeruch und Geschenke, Geschenke, Geschenke. Ich bekomme keine religiöse Beziehung dazu.

Der Anspruch an Weihnachten

Weil wir Harmonie nicht erzwingen können, sollen wir gleich aufhören, uns um sie zu bemühen? Weihnachten erinnert uns doch daran, dass Gott Mensch geworden ist. Ist das nicht ein Anspruch, dem wir uns stellen müssen?

Das will ich tatsächlich sagen. Weg mit dem Anspruch. Her mit der Entspannung, her mit dem genau Hingucken: was ist? Nicht bloß wollen: was soll? Hört doch mal auf, der Krippe und Maria und Josef noch ein Tröpfchen geistig-moralischer Gegenwartsrelevanz rauszuwringen! Da ist nichts mehr. Sie waren arm, niemand gewährte ihnen Obdach - das haben wir jetzt zig Mal durchgekaut. Lasst es gehen - vielleicht kommt was Neues. Frisches. Vielleicht können wir so irgendwann auch mal die Bibel frisch lesen.

Was ist – und was soll?

Sie wollen die Krippe in Ruhe lassen? Keine moralische Belehrung mehr aus der Armut von Maria und Josef? Was soll denn dieses Neue, Frische sein?

Sie schreiben: „Werd bloß nicht sentimental. Und wenn doch: ach - genieß das ruhig mal.“ Darf an Weihnachten wirklich jede Stimmung sein? Auch Verbitterung, Einsamkeit oder Hass? Und soll man das alles einfach genießen?

Oder geht es Ihnen darum, dass wir endlich aufhören, Weihnachten als eine Veranstaltung zu betrachten, bei der wir eine bestimmte Stimmung herstellen müssen?

Genau: eine bestimmte Stimmung lässt sich nicht herstellen. Wir haben doch eine Stimmung! Wie ist die denn? Und sie darf so sein, wie sie nun mal ist.

Die Freiheit, einfach zu gehen

Und wenn die Stimmung schlecht ist? Wenn man sich nicht leiden kann? Soll man dann einfach gehen, statt sich um Versöhnung zu bemühen? Ist das nicht eine sehr bequeme Vorstellung von Gemeinschaft?

Alle sind wie sie sind - und kommen vielleicht trotzdem oder gerade deswegen miteinander zurecht. Und wenn man nicht miteinander zurecht kommt, dann geht man eben nach hause. Aber früh genug, bevor es knallt.

Die Weisheit der alten Weihnachtshasen

Sie wollen die Menschen also nicht verändern. Ist das die Weisheit der alten Hasen? Dass man die Menschen, die einem wichtig sind, gerade dann am meisten schätzt, wenn man aufhört, sie verändern zu wollen?

Genau das meine ich.

Der 27. Dezember zählt genauso

Dann haben Sie Weihnachten also entzaubert. Es muss nicht besonders, harmonisch oder liebevoll sein. Aber was bleibt dann von diesem Fest? Was ist die Weisheit der alten Weihnachtshasen?

Das ist die Weisheit der alten Weihnachtshasen: es muss nicht immer supertoll sein. Die ganz normalen Tage: die zählen ganz genau so. Der 27. Dezember genau so wie der 24.

Vielleicht liegt gerade darin eine Weihnachtsbotschaft: Nicht die Aufforderung, sich an Weihnachten lieb zu haben, sondern die Erinnerung, dass man einander auch am 27. Dezember noch lieb haben kann.