Anmerkungen zu „Wieder mal Weihnachten“

Frederike Theuerbier ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Frederike

Teil 1: Das Diktat des perfekten Fests

Du schreibst: „Wie jedes Jahr zu Weihnachten, es muss super werden – das ist klar.“ Ist dieses „super werden müssen“ für dich der Ausdruck einer gesellschaftlichen Neurose, und wer zahlt in der Praxis eigentlich den Preis für diesen Anspruch auf das perfekte Fest?

Ja, so kann man das sagen: eine gesellschaftliche Neurose. Die meisten wollen, dass Weihnachten gut wird, wollen sich mit ihren Familien gut verstehen, den Ausgleich schaffen zwischen den Generationen: „Fahren wir erst zu meinen Eltern oder zu deinen?“ Wer zahlt? Ich glaube in der Praxis immer noch sehr oft die Frauen: kochen, putzen, für Harmonie sorgen.

„Wieder mal Weihnachten und was schenke ich bloß.“ Das klingt nach der klassischen Banalität der Erwartungshaltungen. Ist das für dich eine ehrliche Bestandsaufnahme des modernen Geschenke-Zwangs oder der Versuch, Beziehungstiefe durch Konsumgüter zu ersetzen?

„Wir schenken uns nichts“ funktioniert bei mir mit sehr nahen Freundinnen und Freunden. Man kann da einfach akzeptieren, sich diesem Zwang nicht zu beugen. Anderen kann ich es nicht verdeutlichen. Da sieht es sehr schnell nach Lieblosigkeit aus: „Du hast nicht an mich gedacht.“ Vor allem wenn man von der anderen Person etwas bekommt. Das Lied will genau das einfach bloß darstellen: dieses Schenken-Müssen.

Du beschreibst Weihnachten als „Schnappschuss in der Zeit“, der für immer bleibt und deshalb so ein Gewicht hat. Verklärst du da nicht eine emotionale Ausnahmesituation, die für viele Menschen eher von Einsamkeit oder Streit geprägt ist?

Man merkt ja dem Song meine Desillusionierung an. Meine ersten fünf Weihnachten waren top, wobei ich die ersten beiden wohl nicht richtig mitbekommen habe. Aber danach ging es bergab. Und dann kamen wieder einige schöne, wo wir uns erfolgreich bemüht haben mit Tannenbaum, Festessen und Freunden etwas Schönes zu dem Anlass auf die Beine zu stellen.

Teil 2: Die gesellschaftliche Verabredung

Der Einstieg klingt müde, fast resignationsträchtig. Warum entscheidest du dich für diesen repetitiven Tonfall, anstatt den Weihnachtsrummel aktiv zu verweigern?

Weihnachten ist einfach DIE große gesellschaftliche Vereinbarung, die wir haben. In Deutschland, Europa und der Welt. Sogar in Dubai stehen Tannenbäume. Weihnachten ist größer als Fußball. Du merkst: Ich gucke ironisch drauf – aber Ironie hat immer auch einen realen Hintergrund. Eine Übereinkunft zwischen vielen Menschen hat immer auch etwas Schönes. Auch!

Welchen Platz hat so ein Song in einer Zeit, in der immer mehr Menschen die traditionelle Kernfamilie hinterfragen oder schlicht keinen Bock mehr auf das jährliche Pflichtprogramm haben?

Ich glaube, Weihnachten geht über die Kleinfamilie hinaus. Oma und Opa müssen integriert werden, Geschwister, Onkel, Tanten. Da sehen sich Menschen, die sich sonst nicht sehen. Das macht Druck – das birgt aber auch Chancen.

Teil 3: Nachgehakt

Du sprichst offen an, dass Frauen die Hauptlast für die weihnachtliche Harmonie und Logistik tragen. Warum taucht diese ungleiche Care-Arbeit im Liedtext bisher nur als allgemeiner Stress auf und wird nicht direkt beim Namen genannt?

Die ungleiche Care-Arbeit wäre ein eigenes Lied. Es kann sein, dass ich mich hier feige gedrückt habe: Ich wollte aber diesen allgemeinen Zusammenhang, diese Gemengelage der Gefühle darstellen.