Anmerkungen zu „An die Käsetheke kommst du zur Bewährung“

Frederike Theuerbier ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Frederike

An die Käsetheke kommst du zur Bewährung

Ein Gespräch über Strafversetzungen, betriebliche Hierarchien und die Welt hinter den Kulissen des Supermarkts.

Die Käsetheke als Strafstation

Die Käsetheke ist für viele Beschäftigte tatsächlich kein Wunsch-Arbeitsplatz. Du stehst den ganzen Tag, musst schwere Käselaibe bewegen, Kunden beraten, Preise kontrollieren und nebenbei dafür sorgen, dass alles hygienisch einwandfrei bleibt. Und dann kommst du als Kunde an die Theke und ein Mitarbeiter erzählt dir, er sei strafversetzt worden. Wie bist du auf diese Geschichte gekommen?

Das wurde mir im Gespräch mit dem Mitarbeiter klar. Man geht ja als Käse-Fan an die Käsetheke. Sonst nimmt man den günstigeren abgepackten Käse aus der SB-Kühlung. Und als Käse-Fan denkst du: Toll, den ganzen Tag Käse als Beruf! Die ganzen Käse mit Namen kennen, sie natürlich auch probieren müssen. Käsesachverständig sein. Aber du siehst nicht, was für ein anstrengender Arbeitsplatz das ist. Und oft auch ganz allein.

Wenn der Arbeitsplatz unerträglich wird

Das mit der Einsamkeit ist tatsächlich ein großes Problem. Wir kennen solche Situationen aus den Betrieben: Da steht jemand allein an der Theke, während die Kollegen im Markt vielleicht ganz andere Arbeitsbedingungen haben. Und wenn dann noch jemand an einen solchen Arbeitsplatz versetzt wird, den er gar nicht machen möchte, ist der Frust vorprogrammiert.

Du singst: „Dann doch lieber in den Knast, wo du zumindest manchmal deine Ruhe hast.“ Das ist eine drastische Übertreibung. Aber ich glaube, dass solche Vergleiche manchmal tatsächlich gezogen werden. Was bleibt einem Beschäftigten denn, wenn der Arbeitsplatz unerträglich wird? Kündigen?

Ich glaube schon, dass diese Analogie manchmal gezogen wird. Denn wer war schon selbst im Knast und kann das wirklich aus eigener Erfahrung sagen? Aber welche Möglichkeiten hast du als Mitarbeiter, wenn der Job unerträglich wird? Kündigen?

Wie sieht Freiheit konkret aus?

Kündigen ist natürlich eine Möglichkeit. Aber gerade im Einzelhandel hängen viele Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz. Sie brauchen das Einkommen, haben vielleicht Familie oder finden in ihrer Region nicht ohne Weiteres eine andere Stelle. Die Freiheit, einen unerträglichen Arbeitsplatz zu verlassen, ist für viele eine ziemlich theoretische Freiheit.

Du sprichst damit eine grundsätzliche Frage an: Wie frei sind wir eigentlich, wenn wir auf unser Einkommen angewiesen sind?

Ja. Es ist viel von Freiheit die Rede. Aber wie sieht Freiheit konkret aus? Beim Mauerfall erzählten mir viele Menschen aus der DDR, sie hätten keine „Unfreiheit“ empfunden. Aber ökonomische Realität wurde als bedrückend empfunden. Auch die Reisefreiheit spielt im Alltag nicht die entscheidende Rolle.

Was für ein Auto du dir leisten kannst, was für eine Wohnung, welche Lebensmittel: Das ist der Punkt. Und: Welche Gegenleistung musst du erbringen?

Die Käsetheke als Sankt Helena

Jetzt verstehe ich besser, was dich an dieser Begegnung so überrascht hat. Du hast nicht einfach einen unzufriedenen Mitarbeiter getroffen. Du hast erfahren, dass es offenbar eine betriebliche Praxis gibt, bei der die Käsetheke als letzte Bewährungsstation eingesetzt wird. Und das ist schon bemerkenswert.

Wir kennen solche Konflikte: Ein Arbeitgeber muss auf Fehlverhalten reagieren können. Aber eine Versetzung darf nicht einfach als willkürliches Druckmittel eingesetzt werden. Da gibt es arbeitsrechtliche Grenzen und, je nach Situation, auch Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats.

Du hast ausdrücklich offengelassen, ob der Mitarbeiter tatsächlich etwas Schwerwiegendes getan hat. Was hat dich an der Situation am meisten erstaunt?

Es kann ja auch durchaus etwas sehr Schwerwiegendes vorgefallen sein mit diesem Mitarbeiter. Aber dass die Käsetheke so etwas wie ein Sankt Helena für Mitarbeiter ist: Das hat mich erstaunt.

Hinter den Kulissen des Supermarkts

Jetzt verstehe ich, worauf du hinauswillst. Du machst aus einer konkreten Begegnung eine Geschichte über die Arbeitswelt. Du zeigst einen Arbeitsplatz, der für Kunden eine ganz andere Bedeutung hat als für die Beschäftigten. Und du stellst damit auch die Frage, was hinter der schönen Fassade eines Unternehmens tatsächlich passiert.

Das ist es. Du siehst die schöne arrangierte Welt im Supermarkt. Du siehst die Unternehmenskommunikation, im Markt, in der Werbung, online und offline. Und du gehst hinter die Kulissen, siehst, wo die Mitarbeiter sich aufhalten, hörst den Ton, in dem mit Mitarbeitern gesprochen wird. Und du siehst eine andere Welt.

Das interessiert mich.