Frederike Theuerbier ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Frederike
Alte CDs, neue Freiheit: Was bleibt von unserer Vergangenheit?
Manchmal beginnt eine philosophische Frage mit einer ziemlich profanen Beschäftigung: dem Aufräumen. In seinem Song über die Entsorgung alter CDs beschreibt Detlef Cordes zunächst die ganz praktischen Probleme der Mülltrennung. Doch beim Aussortieren der alten Tonträger taucht plötzlich eine andere Frage auf: Was passiert eigentlich mit den Erinnerungen, die an Dingen hängen? Und was bedeutet es, wenn Musik und Literatur sich zunehmend von ihren materiellen Trägern lösen?
Alte CDs und das autobiografische Gedächtnis
Wenn du die alten CDs noch einmal in die Hand nimmst, kommen Gedanken und Gefühle zurück. In der Psychologie spricht man von autobiografischen Hinweisreizen: Gegenstände können Erinnerungen an bestimmte Lebensphasen, Menschen und frühere Versionen des eigenen Ichs aktivieren. Was passiert bei dir in diesem Moment? Hältst du an den CDs fest – oder an dem Menschen, der du damals warst, als du diese Musik gehört hast?
Es passiert eigentlich Verwunderung. Die Songs, die Cover, die Künstlerinnen und Künstler, die mir so am Herzen lagen, sind mir fremd geworden. Ich ging sogar mit einer gewissen Aggressivität vor: Ich brach die CDs lustvoll aus dem Jewel Case, riss das Inlay heraus. Boh! Weg damit! Das bin ich nicht mehr. Freiheit!
Persönliche Entwicklung und die Lust auf eine neue Identität
Du beschreibst das Wegwerfen als regelrechten Befreiungsakt. Psychologisch könnte man von Identitätsveränderung und symbolischer Ablösung sprechen. Ist das auch eine gewisse Ungeduld mit deinem früheren Ich? Oder genießt du einfach die Vorstellung, heute reifer und weiter zu sein?
Es ist ein bisschen dieses: Ich bin heute ja viel reifer und weiter. Das ist wie im Kindergarten, wenn du von der Schmetterlingsgruppe in die Taubengruppe kommst. Die Tauben, das waren die Großen, die im nächsten Jahr zur Schule kommen.
Wobei das Bild des Schmetterlings von der Diakonisse, die den Kindergarten leitete, eigentlich ziemlich clever gewählt war. Allerdings hätten dann die ganz Neuen die Maden sein müssen.
Und wenn der Schmetterling in einem Gespräch über Identität auftaucht, muss, muss, muss ich Goethe zitieren:
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend'ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Es ist das Gedicht „Selige Sehnsucht“ aus Goethes West-östlichem Divan. Es beschreibt die Verwandlung, das Sterben und Werden als Voraussetzung für neues Leben. Genau darin liegt für mich etwas Wesentliches: Man muss nicht an dem festhalten, was man einmal war.
Die Vergangenheit muss nicht verschwinden
Wenn du heute mit einer gewissen Überlegenheit auf dein früheres Ich zurückblickst: Kannst du ihm trotzdem mit Sympathie begegnen? Oder gehört zur persönlichen Weiterentwicklung auch, dass man frühere Vorlieben und Lebensphasen irgendwann hinter sich lassen muss?
Doch, ich kann ihm mit Sympathie begegnen. Ich kann auch den Künstlerinnen und Künstlern mit Sympathie begegnen: John Lee Hooker, Miles Davis, Nena – eine gehört nicht in die Reihe, gehört aber doch. Manche nerven auch: Mit Earth, Wind & Fire kann ich nichts mehr anfangen.
All das hört man, höre ich heute eben nicht mehr auf CD.
Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied: Ich muss meine Vergangenheit nicht abwerten, um mich von ihr zu lösen. Die Musik darf bleiben. Nur der materielle Tonträger hat seine Funktion verloren.
Besitz, Erinnerung und die Befreiung von der Materie
Die Musik ist ja nicht verloren. Sie ist heute anders verfügbar. Ist das für dich der entscheidende Unterschied? Dass du die Erinnerung und die Musik behalten kannst, ohne die Gegenstände besitzen zu müssen? Oder steckt darin eine grundsätzliche Veränderung deines Verhältnisses zu Besitz?
Ja! Ich empfinde es als Erleichterung, dass für mich wichtige Werke sich von der Materie abgelöst haben. Musik, aber auch Bücher. Du brauchst die Bücher nicht mehr im Schrank zu haben. Du hast sie überall, wenn du sie einmal gekauft hast.
Das Goethe-Gedicht kann ich jederzeit auf Wikisource lesen. Den Shakespeare, den Platon. Das ist für mich ein riesiger Fortschritt.
Es geht also nicht nur um weniger Dinge im Regal. Es geht um eine andere Vorstellung von Verfügbarkeit. Ein Werk muss nicht mehr als Gegenstand in meinem Besitz sein, damit es Teil meines Lebens bleiben kann.
Was ist ein Kunstwerk, wenn es nicht mehr materiell existiert?
Du sprichst von einer Ablösung der Werke von ihren materiellen Trägern. Philosophisch berührt das die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Materie.
Philosophisch ist die Aufhebung des Gegensatzes von Geist und Materie sehr interessant, die jetzt durch die Digitalisierung noch klarer wird.
Was ist dieser Zwischenraum, in dem Goethes Gedicht existiert? Vielleicht ist es in diesem Moment durch ein Unterseekabel zu mir gekommen. Was ist Information?
Was ist „Kind of Blue“ von Miles Davis, wenn es nicht mehr stofflich irgendwo existiert?
Das sind für mich keine bloßen technischen Fragen. Sie berühren das Wesen eines Kunstwerks. Ist es die Schallplatte, die CD, die digitale Datei? Ist es die musikalische Struktur, die unabhängig von ihrem Träger existiert? Oder entsteht das Werk erst wieder in dem Moment, in dem jemand es hört?
Vielleicht ist das Entscheidende an der Digitalisierung, dass wir den Unterschied zwischen dem Werk und seinem materiellen Träger deutlicher wahrnehmen. Goethe braucht kein Buchregal, Miles Davis kein Jewel Case. Die Werke bleiben zugänglich, auch wenn die Gegenstände verschwinden.
Und so werden aus alten CDs plötzlich philosophische Fragen. Das Aufräumen hat sich gelohnt.