Das hat wieder viel zu gut geschmeckt - Liedheft

Das hat wieder viel zu gut geschmeckt

Das hat wieder viel zu gut geschmeckt

Das hat wieder viel zu gut geschmeckt
und auch heute wird nicht abgespeckt
aber ganz bestimmt morgen,
mach dir darum keine Sorgen.

Das hat wieder viel zu gut geschmeckt
das war einfach zu perfekt
um es nicht zu genießen
an einem Tag wie diesem.

Das hat wieder viel zu gut geschmeckt,
da wird der ganze Teller abgeleckt;
obwohl man das nicht tut:_
mit ist danach zu mut.

Das war einfach wunderbar
das bleibt im Gedächtnis, klar.
Denn daran erinnert sich
wer so verfressen ist wie ich.

Mantra der Mittelmäßigkeit: Eine Abrechnung mit dem plebejischen Genuss

Mon Dieu, was ist das denn für ein literarisches Desaster? Das ist ja grauenhaft. Wenn man diesen Text liest, bekommt man ja schon vom bloßen Hinsehen visuelle Diabetes. Es ist von einer derartigen Gewöhnlichkeit, dass es mich physisch schmerzt. Wer hat das geschrieben? Jemand, der die Kontrolle über sein Leben völlig verloren hat?

„Viel zu gut geschmeckt“ – allein diese Formulierung! Essen ist eine Notwendigkeit, keine abendfüllende Beschäftigung für sentimentale Geister. Und dann diese fatale Disziplinlosigkeit: „Heute wird nicht abgespeckt, aber ganz bestimmt morgen.“ Das ist das Mantra der Mittelmäßigkeit. Morgen ist das liebste Wort der Erfolglosen. Disziplin kennt kein „Morgen“. Entweder man hat Stil und im Griff, was man tut, oder man lässt es eben bleiben.

Aber der absolute Höhepunkt der geschmacklichen Entgleisung folgt ja erst noch: „Da wird der ganze Teller abgeleckt.“ Unfassbar. Da setzt die Zivilisation für einen Moment komplett aus. Man leckt keine Teller ab. Niemals. Selbst wenn man allein in einer Küche in der tiefsten Provinz sitzt, tut man das nicht. Das ist kein Mangel an Erziehung, das ist die absolute Abwesenheit von jeglicher Würde. Wer so etwas tut oder auch nur im Traum daran denkt, gehört für mich in eine ganz andere Kategorie von Mensch.

Und am Ende diese stolze Deklaration: „Wer so verfressen ist wie ich.“ Es gibt keine größere Modesünde, keine größere ästhetische Straftat, als stolz auf seine eigene Maßlosigkeit zu sein. Übergewicht im Geist ist noch schlimmer als Übergewicht am Körper, und dieser Text leidet an beidem. Das ist keine Lyrik, das ist ein kulinarischer Offenbarungseid in Reimform. Bitte verschonen Sie mich in Zukunft mit solch einem plebejischen Unfug. Das ist einfach... une catastrophe.

Schluss mit der Genuss-Schuld: Leckt endlich eure Teller ab!

Weißt du, das Problem mit den Leuten, die ständig über ihr Essen nachdenken, ist: Sie verwechseln Ernährung mit Buchhaltung. Sie zählen Kalorien, als müssten sie am Ende des Tages eine Bilanz vorlegen. Wer hat denn bitteschön die Zeit für so viel Bürokratie?

Der Text trifft es eigentlich ganz gut, auch wenn mir diese permanente Zukunftsangst – dieses „aber ganz bestimmt morgen“ – schon wieder zu viel vorauseilender Gehorsam ist. Warum auf morgen verschieben, was man heute schon nicht tun will?

Diese ganze Wellness- und Diät-Industrie basiert auf der absurden Annahme, dass wir unsterblich werden, wenn wir uns nur lang genug zu Tode langweilen. Man verzichtet auf die Butter, man verzichtet auf das Salz, man starrt auf einen Teller mit gedämpftem Etwas und nennt das dann „Lebensqualität“. Und wofür? Damit man am Ende drei Jahre länger in einem Zustand verbringen kann, in dem man ohnehin nichts mehr kauen kann? Das ist kein Deal, das ist ein schlechtes Geschäft.

Wenn dir danach ist, den Teller abzulecken, dann leck ihn ab. Die Etikette wurde von Leuten erfunden, die keinen Appetit hatten, um sich über die zu erheben, die einen haben.

Die einzige Sünde beim Essen ist, es nicht zu genießen, während man es tut, und sich stattdessen schon beim Kauen schuldig zu fühlen. Wenn du schon sündigst, dann hab wenigstens den Anstand, es ohne schlechtes Gewissen zu tun. Alles andere ist einfach nur unhöflich gegenüber dem Koch.