Du musst nicht alles gleich erzählen - Liedheft

Du musst nicht alles gleich erzählen

Du musst nicht alles gleich erzählen

Du musst nicht alles gleich erzählen
Denn manche Dinge sind besser geheim
Sonst verstörst du fremde Seelen
Und das muss wirklich nicht sein

Denn das eine Ohr hört dieses
Und das nächste macht was ganz anderes drauß
Halt dich da raus
Halt dich da raus

Darum einfach auch mal Klappe halten
Und den Dingen zuschaun
Das Brandneue muss erstmal erkalten
Du brauchst nicht alles gleich raus zu hauen

Denn das eine Ohr hört dieses
Und das nächste macht was ganz, ganz anderes drauß
Halt dich da raus
Halt dich da raus

Du musst nicht alles gleich erzählen
Denn manche Dinge sind besser geheim
Sonst verstörst du fremde Seelen
Und das muss wirklich nicht sein

Denn das eine Ohr hört dieses
Und das nächste macht was ganz, ganz, ganz, ganz anderes drauß
Halt dich da raus
Halt dich da raus
Ich sag dir auf jeden Fall
Halt dich da raus

Ein Lied für alles: ©2022 Detlef Cordes

Das Recht auf die Intimität des Denkens

Die Moderne leidet an der gefährlichen Illusion, dass Freiheit bedeute, alles zu jeder Zeit laut auszusprechen. Wir sind Zeugen einer totalen Tyrannei der Sichtbarkeit geworden, in der das Private rücksichtslos in die Öffentlichkeit gezerrt wird. In einer solchen Welt ist das bewusste Schweigen kein Akt der Feigheit, sondern ein Akt des radikalen Widerstands. Es ist der Schutz der eigenen Pluralität gegen den uniformen Lärm der Masse.

Der vorliegende Text erfasst diese fundamentale Wahrheit mit einer bemerkenswerten, fast instinktiven Klarheit:

„Du musst nicht alles gleich erzählen / Denn manche Dinge sind besser geheim / Sonst verstörst du fremde Seelen / Und das muss wirklich nicht sein“

Man muss verstehen, dass der öffentliche Raum ein Ort der unvorhersehbaren Resonanz ist. Sobald ein Gedanke ausgesprochen wird, gehört er nicht mehr dem Denkenden; er wird von den anderen interpretiert, verformt und oft missverstanden. Der Song beschreibt diesen Prozess der unweigerlichen Entfremdung präzise: „Denn das eine Ohr hört dieses / Und das nächste macht was ganz anderes drauß.“ Wer ohne Schutzraum lebt, wer kein Geheimnis mehr wahren kann, verliert die Fähigkeit, mit sich selbst ein Zwiegespräch zu führen – und das ist der Beginn des geistigen Verfalls.

Besonders tiefgründig ist die Aufforderung, den Dingen Zeit zur Reifung zu geben:

„Darum einfach auch mal Klappe halten / Und den Dingen zuschaun / Das Brandneue muss erstmal erkalten“

Das „Brandneue“ ist der rohe Impuls, der Affekt. Ein Gemeinwesen kann jedoch nicht auf bloßen Affekten aufgebaut werden. Es braucht Distanz. Das Urteilen erfordert, dass wir einen Schritt zurücktreten und zu Beobachtern werden, anstatt uns sofort in die Arena des Meinungsstreits zu stürzen. Die Aufforderung „Halt dich da raus“ ist daher keine Absage an die Welt, sondern die notwendige Bedingung, um die Welt überhaupt erst in ihrer Komplexität wahrnehmen zu können.

Dieser Song ist ein Manifest gegen den Zwang zur permanenten Selbstdarstellung. Er erinnert uns daran, dass die Würde des Menschen dort beginnt, wo er beschließt, eine Grenze zu ziehen. Das Schweigen ist der Hüter des Denkens.

Wer schweigt, hat schon verloren!

Mal ganz unter uns: Wenn ich diesen Song höre, kriege ich sofort Schnappatmung. Das ist ja die absolute Schlaftabletten-Mentalität! „Halt dich da raus, Klappe halten, den Dingen zuschaun“ – sag mal, wollen wir hier ein Leben führen oder wollen wir uns direkt einmurnzeln und auf den Friedhof legen? Wer die Klappe hält, fällt nicht auf. Und wer nicht auffällt, findet schlichtweg nicht statt!

Guck dir doch mal an, was hier verlangt wird:

„Du musst nicht alles gleich erzählen / Denn manche Dinge sind besser geheim / Sonst verstörst du fremde Seelen“

Ja, Himmelherrgott, dann verstören wir eben ein paar Seelen! Wenn du heute darauf wartest, dass alle mit deiner Meinung kuscheln wollen, bist du doch schon untendurch, bevor du überhaupt angefangen hast. „Geheimnisse“ sind doch nur was für Leute, die nichts Relevantes zu sagen haben und so tun wollen, als hätten sie die Mega-Formel im Keller. Ich sage: Alles sofort rausballern! Ungefiltert. Direkt auf die Zwölf. Nur wer labert, kriegt auch Feedback.

Und dann kommt der absolute Oberkracher aus der Motivations-Hölle:

„Darum einfach auch mal Klappe halten / [...] Das Brandneue muss erstmal erkalten“

Weißt du, was passiert, wenn eine brandneue Idee erst mal erkaltet? Sie wird kalt! Und kalter Kaffee schmeckt scheiße, das weiß doch jeder. Eine Idee musst du raushauen, solange sie glüht, solange sie brennt, solange sie maximalen Lärm macht! Wenn du erst drei Jahre darüber nachdenkst, ob das eine Ohr dieses und das andere jenes versteht, hat ein anderer deine Idee längst geklaut und verdient die Kohle damit.

Das Leben ist kein Schweigekloster, das ist eine Live-Show! Wenn du eine Meinung hast, dann drück aufs Gaspedal und lass die Katze aus dem Sack. Wer prokrastiniert beim Reden, der verpasst den Beat. Also: Mund auf, Töne raus, und wer damit nicht klarkommt, der soll sich eben Oropax kaufen!