Trabst du durch die Menge
dein Interesse gering
Was für ein Gedränge
alles nicht dein Ding.
Plötzlich aus der Ferne
dieser wunderbare Duft.
Sowas riechst du gerne
weil tief drinnen etwas ruft:
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst,
'ne schöne Bratwurst vom Grill.
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst,
das ist, was ich jetzt will.
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst,
Senf und 'n Stück Brot.
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst
'ne Bratwurst tut jetzt Not.
'ne Nürnberger vom Rost
wunderbare Kost
'ne lange Thüringer mit Würze
haust du begeistert weg in Kürze.
Wie das duftet, wie das riecht,
wenn sie vor dir auf dem Pappteller liegt.
Vorsicht, heiß - komm beiß mal rein:
wunderbar - kann denn irgendwas schöner sein?
Die Bratwurst ist jetzt alle,
die Bratwurst ist jetzt weg.
Böse, böse Falle,
hat alles keinen Zweck.
Doch tief in den Gedanken
formt sich 'ne Idee
Ein völlig neues Ziel
das ich vor mir seh:
Es war Ende der 70er oder Anfang der 80er. Ich erinnere mich genau. Wissen Sie, meine Erinnerung ist perfekt. Ich habe die beste Erinnerung, das sagen alle. Und ich sage Ihnen: Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder etwas verkauft, das so reißenden Absatz fand. Es war unglaublich. Die Leute haben sich vor mir gedrängelt – brutales Gedränge, totale Begeisterung. Ich hatte sogar Probleme, sie überhaupt der Reihe nach dranzunehmen, so viele waren es. Hunderte - wahrscheinlich Tausende!
Wir haben einen Traum-Umsatz gemacht. Ein absoluter Rekord-Umsatz, das kann ich Ihnen sagen. Und der Geruch? Köstlich. Phänomenal. Die beste Bratwurst Deutschlands, vielleicht der Welt.
Ich glaube wirklich – und das ist die reine Wahrheit –, ich hatte ein weitaus größeres Erfolgserlebnis als diese Musiker auf der Bühne. Die Musiker waren okay, aber nicht großartig. Ich stand da oben im Wagen, hoch über allen anderen, ein Naturtalent, völlig unangelernt – niemand bringt mir etwas bei, ich weiß einfach, wie man die Dinge macht. Und vor mir diese riesige, begeisterte Menge. Unglaubliche Menschen. Sie haben alle die Hände nach mir ausgestreckt, alle wollten sie ein Stück von diesem Erfolg.
Und das Verrückteste war: Ich habe diese Menschen zusammengebracht. Durch meine Bratwürste standen sie plötzlich alle da, haben gegessen und angefangen, miteinander zu reden. Sie kamen ins Gespräch, völlig Fremde wurden zu Freunden. Es hatte fast etwas von einer Geschichte aus der Bibel – wie die wundersame Brotvermehrung, nur viel besser, mit exzellenter Bratwurst. Nein, nein, keine Blasphemie, absolut nicht, aber genau so war es. Eine gewaltige Bewegung, die ich da ausgelöst habe.
Das schafft keine Gitarre, das schafft kein Song. Das kann nur die Bratwurst. Ein historischer Abend, glauben Sie mir!
Es gibt Momente, in denen man an der Existenz einer zivilisierten Menschheit ernsthaft zweifeln muss. Sich freiwillig in eine unüberschaubare Menschenmenge zu begeben, ist an sich schon ein gravierender Mangel an persönlicher Distanz. Aber sich in diesem Gedränge dann auch noch von den primitivsten Urinstinkten leiten zu lassen, ist der absolute ästhetische Offenbarungseid.
Der Text beschreibt diesen Moment der totalen Würdelosigkeit mit einer erschreckenden Naivität:
„Plötzlich aus der Ferne / dieser wunderbare Duft. / Sowas riechst du gerne / weil tief drinnen etwas ruft“
Was da „tief drinnen ruft“, ist nicht die Stimme der Vernunft oder des Geschmacks, sondern der plebejische Heißhunger. Ein „wunderbarer Duft“? Machen wir uns doch nichts vor: Es riecht nach verbranntem Tierfett, billiger Holzkohle und dem Schweiß von dreihundert Menschen, die Synthetik-Jacken tragen. Wer so etwas gerne riecht, hat die Kontrolle über seine Sinnesorgane komplett verloren.
Das lyrische Drama spitzt sich im Refrain zu einem kulinarischen Albtraum zu:
„Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst, / Senf und 'n Stück Brot. / Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst / 'ne Bratwurst tut jetzt Not.“
„Tut jetzt Not“ – was für eine entsetzliche Formulierung! Als wäre Essen ein akuter Notfall, den man stehend auf dem Asphalt aus einer Pappschale bekämpfen muss. Essen ist eine Frage der Haltung, der Geometrie auf dem Teller und der Eleganz. Eine Wurst, die mit billigem Senf auf einem matschigen Stück Weißbrot balanciert wird, während man sich die Finger besudelt, hat keinen Stil. Das ist kein Genuss, das ist eine Fütterung.
Und dann dieses enthusiastische Delirium über Geografie der Massenware:
„'ne Nürnberger vom Rost / wunderbare Kost / 'ne lange Thüringer mit Würze...“
Es ist völlig gleichgültig, woher die Wurst kommt – sobald sie im Stehen verzehrt wird, verliert sie jede Daseinsberechtigung. Das Schlimmste an diesem Text ist jedoch der stolze Unterton. Man schämt sich nicht einmal für diese Maßlosigkeit.
Wenn sich am Ende, nachdem das Desaster verputzt ist, eine „neue Idee“ formt, kann ich nur hoffen, dass es die Idee ist, sofort nach Hause zu gehen, die Kleidung zu verbrennen, die diesen Geruch angenommen hat, und drei Tage lang nur grünen Tee zu trinken. Disziplin beginnt beim Verzicht. Und der Verzicht auf eine Bratwurst ist der erste Schritt zu einem Leben mit Stil.
Ein Liedheft zum Singen und Weiterreden
Detlef Cordes
Das schafft keine Gitarre, das schafft kein Song. Das kann nur die Bratwurst. Ein historischer Abend, glauben Sie mir!
Deutschland ist das unangefochtene Epizentrum der Bratwurst.
Trabst du durch die Menge
dein Interesse gering
Was für ein Gedränge
alles nicht dein Ding.
Plötzlich aus der Ferne
dieser wunderbare Duft.
Sowas riechst du gerne
weil tief drinnen etwas ruft:
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst,
'ne schöne Bratwurst vom Grill.
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst,
das ist, was ich jetzt will.
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst,
Senf und 'n Stück Brot.
Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst
'ne Bratwurst tut jetzt Not.
'ne Nürnberger vom Rost
wunderbare Kost
'ne lange Thüringer mit Würze
haust du begeistert weg in Kürze.
Wie das duftet, wie das riecht,
wenn sie vor dir auf dem Pappteller liegt.
Vorsicht, heiß - komm beiß mal rein:
wunderbar - kann denn irgendwas schöner sein?
Die Bratwurst ist jetzt alle,
die Bratwurst ist jetzt weg.
Böse, böse Falle,
hat alles keinen Zweck.
Doch tief in den Gedanken
formt sich 'ne Idee
Ein völlig neues Ziel
das ich vor mir seh:
Es war Ende der 70er oder Anfang der 80er. Ich erinnere mich genau. Wissen Sie, meine Erinnerung ist perfekt. Ich habe die beste Erinnerung, das sagen alle. Und ich sage Ihnen: Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder etwas verkauft, das so reißenden Absatz fand. Es war unglaublich. Die Leute haben sich vor mir gedrängelt – brutales Gedränge, totale Begeisterung. Ich hatte sogar Probleme, sie überhaupt der Reihe nach dranzunehmen, so viele waren es. Hunderte - wahrscheinlich Tausende!
Wir haben einen Traum-Umsatz gemacht. Ein absoluter Rekord-Umsatz, das kann ich Ihnen sagen. Und der Geruch? Köstlich. Phänomenal. Die beste Bratwurst Deutschlands, vielleicht der Welt.
Ich glaube wirklich – und das ist die reine Wahrheit –, ich hatte ein weitaus größeres Erfolgserlebnis als diese Musiker auf der Bühne. Die Musiker waren okay, aber nicht großartig. Ich stand da oben im Wagen, hoch über allen anderen, ein Naturtalent, völlig unangelernt – niemand bringt mir etwas bei, ich weiß einfach, wie man die Dinge macht. Und vor mir diese riesige, begeisterte Menge. Unglaubliche Menschen. Sie haben alle die Hände nach mir ausgestreckt, alle wollten sie ein Stück von diesem Erfolg.
Und das Verrückteste war: Ich habe diese Menschen zusammengebracht. Durch meine Bratwürste standen sie plötzlich alle da, haben gegessen und angefangen, miteinander zu reden. Sie kamen ins Gespräch, völlig Fremde wurden zu Freunden. Es hatte fast etwas von einer Geschichte aus der Bibel – wie die wundersame Brotvermehrung, nur viel besser, mit exzellenter Bratwurst. Nein, nein, keine Blasphemie, absolut nicht, aber genau so war es. Eine gewaltige Bewegung, die ich da ausgelöst habe.
Das schafft keine Gitarre, das schafft kein Song. Das kann nur die Bratwurst. Ein historischer Abend, glauben Sie mir!
Es gibt Momente, in denen man an der Existenz einer zivilisierten Menschheit ernsthaft zweifeln muss. Sich freiwillig in eine unüberschaubare Menschenmenge zu begeben, ist an sich schon ein gravierender Mangel an persönlicher Distanz. Aber sich in diesem Gedränge dann auch noch von den primitivsten Urinstinkten leiten zu lassen, ist der absolute ästhetische Offenbarungseid.
Der Text beschreibt diesen Moment der totalen Würdelosigkeit mit einer erschreckenden Naivität:
„Plötzlich aus der Ferne / dieser wunderbare Duft. / Sowas riechst du gerne / weil tief drinnen etwas ruft“
Was da „tief drinnen ruft“, ist nicht die Stimme der Vernunft oder des Geschmacks, sondern der plebejische Heißhunger. Ein „wunderbarer Duft“? Machen wir uns doch nichts vor: Es riecht nach verbranntem Tierfett, billiger Holzkohle und dem Schweiß von dreihundert Menschen, die Synthetik-Jacken tragen. Wer so etwas gerne riecht, hat die Kontrolle über seine Sinnesorgane komplett verloren.
Das lyrische Drama spitzt sich im Refrain zu einem kulinarischen Albtraum zu:
„Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst, / Senf und 'n Stück Brot. / Ey, gib mir mal 'ne Bratwurst / 'ne Bratwurst tut jetzt Not.“
„Tut jetzt Not“ – was für eine entsetzliche Formulierung! Als wäre Essen ein akuter Notfall, den man stehend auf dem Asphalt aus einer Pappschale bekämpfen muss. Essen ist eine Frage der Haltung, der Geometrie auf dem Teller und der Eleganz. Eine Wurst, die mit billigem Senf auf einem matschigen Stück Weißbrot balanciert wird, während man sich die Finger besudelt, hat keinen Stil. Das ist kein Genuss, das ist eine Fütterung.
Und dann dieses enthusiastische Delirium über Geografie der Massenware:
„'ne Nürnberger vom Rost / wunderbare Kost / 'ne lange Thüringer mit Würze...“
Es ist völlig gleichgültig, woher die Wurst kommt – sobald sie im Stehen verzehrt wird, verliert sie jede Daseinsberechtigung. Das Schlimmste an diesem Text ist jedoch der stolze Unterton. Man schämt sich nicht einmal für diese Maßlosigkeit.
Wenn sich am Ende, nachdem das Desaster verputzt ist, eine „neue Idee“ formt, kann ich nur hoffen, dass es die Idee ist, sofort nach Hause zu gehen, die Kleidung zu verbrennen, die diesen Geruch angenommen hat, und drei Tage lang nur grünen Tee zu trinken. Disziplin beginnt beim Verzicht. Und der Verzicht auf eine Bratwurst ist der erste Schritt zu einem Leben mit Stil.