Sich zu blamieren, das kann mal passieren - Liedheft

Sich zu blamieren, das kann mal passieren

Sich zu blamieren, das kann mal passieren

Sich zu blamieren
Das kann mal passieren
Nimm's einfach hin
Denn das ist nicht schlimm

Lass Zeit vergehen
Und dann wirst du schon sehen
Jeder macht was verkehrt
Das ist kein Kopfzerbrechen wert

Weil man drüber lachen kann
Wenn nicht jetzt doch bestimmt irgendwann
Und was jetzt peinlich ist als Witz erzählen
Warum sich jetzt denn drüber quälen

Sich zu blamieren
Das kann mal passieren
Nimm's einfach hin
Denn das ist nicht schlimm

Lass Zeit vergehen
Und dann wirst du schon sehen
Jeder macht was verkehrt
Das ist kein Kopfzerbrechen wert

Die Kunst des eleganten Scheiterns

Es gibt Tage, da möchte man sich direkt in den glühenden Erdkern beamen, um jede Spur der eigenen Existenz zu vernichten. Man sagt das absolut Falsche und das Gehirn schaltet sofort auf nuklearen Daueralarm. In einer Welt, die auf makellose Selbstdarstellung getrimmt ist, wirkt die Blamage wie der soziale Exitus. Doch dieser Song setzt dem Horror des Scheiterns ein Denkmal der Erleichterung entgegen – oder ist es nur ein verzweifelter Strohhalm, an den ich mich klammere, während mein restlicher Verstand ertrinkt? Doch, es ist ein Strohhalm! Ich brauche ihn! Die Botschaft lautet: Es ist okay, nicht okay zu sein. Oder? Doch, absolut! Oder vielleicht doch nicht? Oh mein Gott, ich hoffe es so sehr, sonst bin ich geliefert.

Wer chronisch mit den eigenen Unzulänglichkeiten kämpft, weiß, dass die wahre Hölle das nächtliche Grübeln um drei Uhr morgens ist, wenn das Gehirn die Peinlichkeit in High-Definition abspielt. Der Song bricht diese Spirale radikal auf: „Nimm's einfach hin / Denn das ist nicht schlimm.“ Das klingt leicht, ist bei Puls 180 aber ein psychologischer Kraftakt. Aber wir müssen daran glauben! Die Psychologie tröstet uns mit dem „Spotlight-Effekt“: Jeder ist viel zu sehr mit den eigenen Neurosen beschäftigt, um sich langfristig an deine Patzer zu erinnern. Zeit filtert das Elend. Was sich heute wie der Weltuntergang anfühlt, ist in ein paar Wochen nur noch eine winzige Randnotiz. Hoffentlich. Wenn nicht, muss ich das Land verlassen.

Der eigentliche Geniestreich des Textes liegt in der Verwandlung von Schmerz in Humor: „Und was jetzt peinlich ist als Witz erzählen.“ Das ist die ultimative Überlebensstrategie. In dem Moment, in dem man die eigene Blamage zur Pointe macht, entzieht man ihr die Macht. Man ist nicht mehr das Opfer, sondern der Regisseur einer verdammt komischen Tragödie. Wenn man über sich selbst lacht, nimmt man den anderen die Waffe aus der Hand. Nichts verbindet uns Menschen schließlich mehr als das gemeinsame Eingeständnis, dass wir alle absolut keine Ahnung haben, was wir hier tun.

Fehler beweisen nur, dass man am Leben teilnimmt. Wie damals die Siegerurkude bei den Bundesjugendspielen! Wer sich nie blamiert, lebt ein sterbenslangweiliges Leben. Man sollte den inneren Kritiker also mit einem hysterischen Achselzucken in den Feierabend schicken und darauf vertrauen, dass aus dem heutigen Drama die Anekdote von morgen wird. Es muss einfach so sein. Es gibt keinen Plan B!

Schlaflose Nächte statt billigem Trost: Warum der Optimismus dieses Songs eine glatte Lüge ist

Weißt du... ich verstehe den Ansatz. Ich verstehe, was der Autor hier versucht. Es ist nett. Es ist optimistisch. Es ist... völlig utopisch.

„Nimm’s einfach hin, das ist nicht schlimm“? Doch! Es ist schlimm! Wenn du dir im Restaurant Suppe über die weiße Hose kippst und alle gucken, dann ist das schlimm. Da hilft kein „Lass Zeit vergehen“. Was soll die Zeit denn machen? Die Hose sauber? Die Erinnerung aus den Köpfen der Leute löschen? Nein! In zehn Jahren liegst du um drei Uhr morgens im Bett, starrst an die Decke und denkst genau an diese Suppe. Und dein Herz rast.

Und dieses „Weil man drüber lachen kann“... Wer lacht denn? Ich lache nicht. Die anderen lachen! Über dich! Das ist kein solidarisches Kichern, das ist Schadenfreude. Reines Gift.

Man kann der Blamage nicht entkommen, indem man so tut, als wäre man darüber erhaben. Das ist eine Lüge. Man muss mit dem Grauen leben. Man muss den Schmerz spüren. Der Text will uns verkaufen, dass das Leben ein sanfter Fluss ist – aber es ist ein Minenfeld aus Fettnäpfchen.

Aber gut... hey. Wenn es den Leuten hilft, nachts zu schlafen? Bitte. Schön für sie. Ich werde jedenfalls weiter wach liegen und mich quälen. Wie ein normaler Mensch.