Alle wollen eine schöne Innenstadt

Artwork: Alle wollen eine schöne Innenstadt

Über dieses Lied

Wie soll eine Stadt sein? Lebendig, mit interessanten Geschäften, viel Begegnung und hoher Lebensqualität. Nur kaufen möchte man nicht unbedingt etwas, Lärm soll es auch nicht geben und beim Verkehr hört die Begeisterung für Veränderungen schnell auf. „Alle wollen eine schöne Innenstadt“ nimmt die widersprüchlichen Wünsche des Alltags aufs Korn und stellt eine unbequeme Frage: Wer ist eigentlich bereit, selbst etwas beizutragen? Ein Chanson über Stadtleben, Bequemlichkeit und die Kunst, erst einmal darüber zu reden.

Alle wollen eine schöne Innenstadt
Die viele interessante Geschäfte hat:
Dann musst du da aber auch was kaufen
und nicht bloß dran vorbei laufen.

Alle wollen eine Stadt, wo was los ist
Wo man sich trifft und Lebensqualität hoch ist.
So ein Nachtleben macht dann aber auch wieder Lärm
und das haben wir nicht gern, nein: das haben wir nicht gern.

Alle wollen schnell mit dem Auto überall hin
"Tempo 20? Was ist denn da hier der Sinn?"
Aber vor der eigenen Tür
sind wir alle sehr dafür.

Nun sagst du mir, dass niemand Klugscheißer mag,
so sind wir nun mal, Tag für Tag.
"Anpacken", sagst du, "alle anpacken!
doch zuerst woll'n wir lieber noch'n büschen schnacken .

Anmerkungen

Teil 1: Die Konsum-Heuchelei und das Auto

Du benennst den Widerspruch: Alle wollen eine schöne Innenstadt, aber einkaufen wollen viele dort nicht. Ist dein Text eine Abrechnung mit dem spießbürgerlichen „Not in my backyard“-Prinzip?

Ich bin doch selbst bekennender Spießbürger! Das ist eher eine Außendarstellung meines Gemütes. Ich möchte den Kuchen haben – aber auch aufessen. Ich hätte es gern günstig, mit Preisvergleichsmöglichkeit wie im Netz, mit KI, die den Kontext herstellt und persönlich berät, und dabei nette Menschen treffen, ein bisschen flirten, ein bisschen lachen, ein bisschen lästern. So. Und nun, liebe Stadt und lieber Einzelhandel: Bietet mir mal was an – und ich entscheide dann, ob mir das gefällt.

Warum ist die Blechlawine vor den Geschäften für viele immer noch das heilige Symbol von Freiheit, während verkehrsberuhigte Zonen als Schikane empfunden werden?

Wir nehmen den Verkehr aus der Stadt raus und verlagern ihn in die Wohnviertel – nicht in alle, sondern nur in manche, damit es nicht so vielen Menschen weh tut. Dafür haben wir dann in der Innenstadt eine „Flaniermeile“, wo der Rubel rollt. So – ein paar Jahre vorgespult: Nun haben wir keine Flaniermeile und zusätzlich den Verkehr über die grüne Wiese, die wir mal hatten, und durch die Quartiere, wo die Menschen wohnen und die Kinder nicht mehr auf der Straße spielen können.

Teil 2: Schnacken statt Gutachten

Ist das ständige „Schnacken“ der Versuch, den Status quo vor Veränderung zu schützen?

Ich würde sagen: Es wird erstaunlich wenig miteinander geredet. Es gibt viele Gruppen, die jede für sich „das Licht gesehen“ haben und nun ihre Vision durchsetzen wollen. Es werden Gutachten erstellt, die aber keine Entscheidung ersetzen über Maßnahmen, die zwangsläufig einigen Menschen weh tun werden. Ich finde, norddeutsch-gemütlich miteinander Schnacken wäre mal eine Alternative.

Ist dein Song Selbstironie oder ein genervter Blick von oben herab?

Es ist einerseits Selbstironie – andererseits auch eine Aufforderung an alle Selbste, sich nicht absolut zu nehmen. Und norddeutsch gemütlich zu schnacken.

Hat sich das Konzept der traditionellen Einkaufs-Innenstadt nicht längst überlebt?

Ich glaube, kaum jemand glaubt noch an die Belebung durch die reine Einkaufs-Innenstadt. „Aufenthaltsqualität“ heißt das Schlagwort jetzt. Ob man für die vermeintliche Aufenthaltsqualität einem funktionierenden Geschäftsmodell die Parkplätze vor der Tür wegnimmt, ist eine Abwägung, die man treffen muss. Und auch: Warum soll ich mich da überhaupt aufhalten?

Teil 3: Nachgehakt

Ist das Eingeständnis der eigenen Doppelmoral nicht nur die bequemste Entschuldigung, um genau so weiterzumachen?

Hör doch auf mit Moral! Wohin bringt uns Moral in dieser Frage? Jeder Mensch hat Interessen, jeder Mensch hat Dinge, die er will und die er nicht will. Die haben alle ihre Berechtigung. Die muss man angucken und dann zu einem Ausgleich kommen.

Was genau soll Menschen denn überhaupt noch in die Stadt ziehen, wenn nicht der reine Konsum?

Die Antwort auf diese 3-Millionen-Euro-Frage ist: Menschen. Menschen ziehen Menschen in die Stadt. Treffpunkt, Austausch. Aber die Menschen treffen sich eben nicht im vom Planungsbüro Flitziputzi wissenschaftlich gestalteten Umfeld – sondern wo sie mal ein Brötchen essen und einen Kaffee trinken können.

Artwork: Alle wollen eine schöne Innenstadt