Die Raucherin raucht

Artwork: Die Raucherin raucht

Über dieses Lied

Das Lied beschreibt eine Raucherin, die das Rauchen braucht, um sich zu entspannen und der Welt für einen Moment weniger Gewicht zu geben. Sie weiß, dass sie sich damit schadet, und versucht, ihren Konsum mit täglich einer oder zwei Zigaretten zu begrenzen. Bei starkem Stress werden daraus auch einmal drei. Zwischen dem Bewusstsein für die eigene Schädigung und dem Bedürfnis, sich etwas zu gönnen und kurz aufzuatmen, entsteht ihr innerer Konflikt.

Die Raucherin raucht.
Weil sie das Rauchen braucht.
Und weil das Rauchen sie entspannt
und dafür ist es ja bekannt.

Sie steckt sich eine an
im Lauf des Tages irgendwann.
Die Welt verliert Gewicht:
klare Sicht.

Täglich nur eine oder zwei,
wenn richtig Stress ist auch mal drei.
Sich selber schaden oder gönnen
aber mal aufatmen können.

Anmerkungen

Teil 1: Die Insel der Entlastung

Du schreibst: „Die Welt verliert Gewicht: klare Sicht.“ Ist dieser kurze Moment des Rauchens eine echte Atempause und ein Akt der Selbstermächtigung – oder eine Illusion, um die Überforderung des Alltags überhaupt zu ertragen?

Für mich ist es eine Perspektive des Hineindenkens und -fühlens, in Analogie zu der Zeit, als ich Zigarre rauchte. Die Zigarre gab mir für den Moment eine tatsächlich meditative Geborgenheit im Alltag: Die Hände wurden warm, der Nacken entspannte sich, die Last auf den Schultern wurde für diese Momente tatsächlich kleiner.

„Täglich nur eine oder zwei, wenn richtig Stress ist auch mal drei.“ Werden Frauen gesellschaftlich immer noch strenger bewertet, wenn sie sichtbar süchtig sind oder die Kontrolle verlieren, als Männer?

Ich würde als Laie vermuten: Frauen werden strenger beurteilt als Männer. Eine Frau soll im Alltag bitteschön ordentlich funktionieren. Allerdings: Der Mann darf zwar über die Stränge schlagen und seine Marotten haben – aber er soll tapfer sein. Die Summe lautet vielleicht: Egal was du sonst machst, Hauptsache du bist ein guter Soldat.

In einer Welt, die ständige Selbstoptimierung verlangt, wird die Zigarette fast zum rebellischen Gegenentwurf. Ist der Song eine Ehrenrettung für die Unvernunft im Frauenalltag?

Verdammt nochmal: Du kannst nicht immer vernünftig sein – und du brauchst das auch nicht. Dummerweise geht es hier letzten Endes gegen dich selbst, aber die Situation ist nun mal, wie sie ist: „Komm, wir gehen eine rauchen.“ Und das gilt nicht nur für Frauen.

Teil 2: Das Privileg der gesunden Entspannung

Warum braucht es erst ein Suchtmittel als Ausrede, um sich mal drei Minuten lang dem Leistungsdruck zu entziehen?

Es braucht ein Suchtmittel, weil alles andere schon wieder „Leistung“ wäre. Blass vernünftig. „Ich rauche nicht, ich mache jetzt zehn Minuten Atemübungen.“ Man kann dahin kommen, dass das genauso oder sogar befriedigender ist – aber das ist ein Weg, den man sich erst einmal leisten können muss!

Wo verläuft die Grenze zwischen Empathie für die erschöpfte Frau und der Gefahr, ein schädliches Konsummuster zu verklären?

Wir balancieren alle auf schmalen Graten. Ich habe das Zigarrenrauchen aus Angst vor gesundheitlichen Schäden aufgegeben, aber es fällt mir bis heute schwer, darauf zu verzichten. Ich kann alle gut verstehen, die diesen Verzicht nicht leisten können oder wollen.

Teil 3: Nachgehakt

Ist dein Song eine Kapitulation oder eher ein Abschiedsgeschenk an eine alte Gewohnheit?

Der Song ist Empathie für alle, die es (noch) nicht schaffen oder ihre Gründe haben, es nicht schaffen zu wollen.

Ist die Zigarette der letzte Bastionsort der Unvernunft in einer durchoptimierten Welt?

Genau das wollte ich sagen. Wobei ich eigentlich ein Freund der Vernunft bin – aber auch die Vernunft hat eben ihre zwei Seiten.

Wie trennst du deine eigene Zigarren-Erfahrung von der spezifischen Lebensrealität von Frauen unter Last?

Das trenne ich gar nicht. Kann ich gar nicht. Ich sitze ja hier in meinem Ego und versuche etwas nachzufühlen.

Artwork: Die Raucherin raucht