Anmerkungen
Selbstreflexion, Erinnerung und die lange Leitung im Kopf
„Wie war's denn?“ Eine ganz einfache Frage. Und manchmal eine ziemlich schwierige. Denn nicht jeder kann unmittelbar erzählen, was er erlebt hat, wie er sich dabei gefühlt hat oder was das Ganze eigentlich bedeutet. Ein Gespräch über Erinnerung, emotionale Verarbeitung, Selbstreflexion und den merkwürdigen Druck, jederzeit Auskunft über das eigene Innenleben geben zu sollen.
Erinnerung: Wenn auf eine einfache Frage keine Antwort kommt
In der Psychologie hat die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit einen hohen Stellenwert. Biografische Erfahrungen, ungelöste Konflikte und belastende Erlebnisse sollen reflektiert und verarbeitet werden. Dein Lied klingt zunächst wie eine ziemlich entschiedene Absage daran: „Frag mich nicht, wie's war. Denn jetzt ist es vorbei.“ Ist das eine bewusste Gegenposition zur heutigen Kultur des Aufarbeitens und Reflektierens?
Das Ding ist viel einfacher: Ich komme von irgendwoher, sagen wir: von einer Party. Und dann fragt mich jemand: „Wie war's denn?“ Und dann ist da in meinem Schädel ein völliges Blank. Kein Gefühl, ein paar Fetzen von Szenen. Nichts.
„Och, ganz schön.“ Vielleicht war es aber total beschissen und ich knapse jetzt die nächste Woche daran. Und ich werde bei Gesprächen in der Zukunft immer wieder darauf zurückkommen und einzelne Dinge erzählen. Aber auf die konkrete Frage in dem Moment hatte ich keine Antwort.
Emotionale Verarbeitung: Warum manche Erlebnisse Zeit brauchen
In der Gedächtnispsychologie unterscheidet man zwischen dem Erleben einer Situation, ihrer Speicherung und dem späteren Abruf. Diese Vorgänge sind nicht identisch. Manchmal erinnern wir uns erst Tage später an Einzelheiten oder merken überhaupt erst im Nachhinein, wie wir eine Situation empfunden haben. Kennst du das auch aus anderen Lebensbereichen? Dass du etwas erlebt hast, aber erst mit zeitlichem Abstand eine Meinung oder ein Gefühl dazu entwickeln kannst?
Es ist nicht so, dass ich keine Lust habe. Ich kann es einfach nicht. Ich kann es auch im Selbstgespräch nicht. Ich komme oft Tage, Wochen später zu erstaunlichen Bewertungen.
Selbstreflexion: Die lange Leitung im Kopf
In der Psychologie spricht man unter anderem von Reflexion und nachträglicher Bewertung. Gedanken und Einschätzungen können sich über längere Zeit entwickeln. Ist das für dich eher eine hilfreiche Eigenschaft? Oder empfindest du es manchmal als Nachteil, wenn die Erkenntnis erst dann kommt, wenn die Situation längst vorbei ist?
Ich halte das für eine intellektuelle Schwäche bei mir. Ich habe einfach eine sehr lange Leitung. Wie der Mann im Witz, dem jemand auf den Fuß tritt und der erst fünf Minuten später „Aua!“ sagt.
Grübeln und Verarbeitung: Mein innerer Rechner braucht Zeit
In der Psychologie unterscheidet man zwischen Reflexion und Grübeln (Rumination). Reflexion kann helfen, Erfahrungen einzuordnen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Grübeln bedeutet dagegen oft, gedanklich immer wieder um dieselben Fragen zu kreisen. Dein Lied sagt: „Ich hab nichts zu berichten oder aufzuarbeiten – mitnichten.“ Ist das eine Absage an die Erwartung, aus jedem Erlebnis sofort eine Erkenntnis machen zu müssen?
Mein innerer Rechner braucht Zeit. Wenn es etwas aufzuarbeiten gibt, dann kommt das. Irgendwann.
Wenn es auf der Party eine Szene gab, die aufzuarbeiten ist, dann werde ich sie irgendwann irgendwem erzählen – oder einen Song darüber schreiben. Aber ich kann nicht am nächsten Morgen beim Kaffee erzählen, was da gewesen ist. Nicht: „Ich will nicht.“ Ich kann nicht. Ich habe das nicht drauf auf der inneren Festplatte.
Soziale Erwartungen: Warum wir manchmal Antworten erfinden
Unsere Gesprächskultur erwartet oft, dass wir unmittelbar Auskunft geben können: Wie war es? Wie hast du dich gefühlt? Was hat das mit dir gemacht? In der Psychologie gibt es den Begriff der sozialen Erwünschtheit: Wir richten unsere Antworten an vermuteten Erwartungen anderer aus. Ist das vielleicht eine ziemlich unrealistische Erwartung? Muss man jederzeit Rechenschaft über sein eigenes Innenleben geben können?
Ich hasse diese Fragen: Wie war es? Wie hast du dich gefühlt? Was hat das mit dir gemacht? Dieser ganze Psycho-Kram.
Es kommt dann etwas Gewolltes, Kopfiges heraus. Nicht, wie es in dem Moment wirklich ist, sondern das, was in der jeweiligen Gesprächssituation angenehm ist. Was der Gesprächspartner erwartet. Oder sagen wir so: was ich glaube, dass der Gesprächspartner erwartet. Und dann wird es völlig verkorkst.
Vielleicht muss man nicht auf alles sofort eine Antwort haben. Vielleicht ist es manchmal besser, einfach zu sagen: „Frag mich nicht, wie's war.“ Nicht aus Verweigerung, sondern weil die Antwort noch nicht da ist.
Und wenn sie irgendwann kommt, kann man ja immer noch darüber reden. Oder einen Song schreiben.