Anmerkungen
Zwei Kippen – ein persönliches Interview
Frage 1: Die Geschichte hinter den Kippen
Du gehst einen Weg, siehst zwei weggeworfene Zigarettenkippen und beginnst, dir eine Geschichte dazu auszudenken: Vielleicht haben zwei Menschen sie weggeworfen, um sich anschließend wild zu küssen. Was geht in dir vor, wenn du so etwas siehst? Ist das zunächst ein spontaner Einfall, eine Sehnsucht, eine Erinnerung – oder einfach die Freude daran, in den unscheinbaren Dingen des Alltags etwas Menschliches zu entdecken?
Ich habe Freude an Geschichten. Ich fabuliere gerne. Als Kind habe ich mir gerne Märchen vorlesen lassen über Gegenstände, die Geschichten erleben. Das hat mich immer fasziniert. Die Verbindung zwischen Kippen und Küssen ist: Meine ersten Freundinnen waren starke Raucherinnen und schmeckten beim Küssen nach Aschenbecher. Was dem positiven Gefühl natürlich überhaupt keinen Abbruch tat.
Frage 2: Eingreifen oder in Ruhe lassen?
Du lässt die beiden Kippen liegen, weil du ihnen gewissermaßen eine Geschichte zugestehst. Ist das auch eine Haltung, die du dem Leben gegenüber hast? Dass du Dinge lieber erst einmal auf dich wirken lässt, statt sie sofort zu beurteilen, einzuordnen oder zu beseitigen?
Ich mache das durchaus auch, dass ich Dinge vor meinen Füßen lustvoll wegkicke. Neulich erst ist die Dose mit Glück nicht gegen eine Autotür geknallt. Ich finde es toll, diese Energie zu spüren: Paff! Die Macht zu haben, in ein Arrangement eingreifen zu können. Manchmal baut das auch Frust ab. Bei den beiden Kippen ausdrücklich nicht, weil mir gleich diese Geschichte einfiel.
Frage 3: Der innere Beobachter
In deinem Song beobachtest du dich selbst beim Denken. Du fragst dich, warum dir ausgerechnet beim Gehen durch den Matsch solche Gedanken kommen. Ist dieses Sich-selbst-Beobachten typisch für dich? Hast du häufig einen inneren Beobachter, der nicht nur die Welt wahrnimmt, sondern auch deine eigenen Einfälle, Reaktionen und Gefühle betrachtet?
Ja, den inneren Beobachter habe ich sehr oft. Haben andere Menschen das nicht? Sehr oft sehe ich mich durch die Augen anderer Menschen. Natürlich ist das meine eigene Fantasie darüber, was die wohl gerade in mir sehen. Oft ist das nicht schmeichelhaft. Dann macht der innere Beobachter mich unsicher oder sogar aggressiv auf mich selbst: „Warum bin ich so? Warum denke ich sowas jetzt?“
Frage 4: Glaube, Hoffnung und Liebe
Dein Song führt am Ende zu dem Satz: „Dass die Liebe doch das Größte ist, wo immer du gehst, wo immer du bist.“ Ist dieser Schluss eine Art Gegenbewegung zu deinem inneren Kritiker? Oder ist die Liebe für dich unabhängig davon eine grundlegende Erfahrung, die allem anderen einen Sinn geben kann?
Ich würde mich zwar nicht als Christen bezeichnen, aber ich bin christlich erzogen worden, unter anderem von Diakonissen. Das ist eine zentrale Bibelstelle für mich: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Diese drei sind auch meine Mittel, das Leben zu zähmen, auch wenn's mal dicke kommt. Und letzten Endes ist die Liebe das Wichtigste. Das ist meine Erfahrung.
Frage 5: Die Liebe zu sich selbst
Du hast Freude daran, Geschichten zu erfinden, und kennst einen inneren Beobachter, der dich kritisch betrachtet. Zugleich hast du mit Glaube, Hoffnung und Liebe etwas gefunden, das dir hilft, mit den Zumutungen des Lebens umzugehen. Kannst du die Liebe, die du in deinem Lied so selbstverständlich zum Größten erklärst, auch dir selbst gegenüber aufbringen? Oder fällt es dir leichter, die Liebe als etwas Großes und Allgemeingültiges anzuerkennen, als mit dir selbst liebevoll umzugehen?
Mit der Selbstliebe ist es schwer bei mir. Ich kann Menschen lieben, Hunde, manche Szenen, die mich rühren. Eine Art Respekt stellt sich dann auch ein. Ehrfurcht. Auch Sorge um das Geliebte. Fürsorge. Ich bin ängstlich, wehleidig und habe es gern bequem, esse gern und gönne mir das auch. Ist gönnen Liebe? Nein, wohl eigentlich nicht.