Zwischen Angst, Impulsivität und der Kunst, aus dem eigenen Leben zu lernen
Erst denken, dann handeln? Oder einfach losgehen?
Du singst: „I find my way by walking“ – ich finde meinen Weg, indem ich gehe. Das klingt nach einer Absage an die Vorstellung, man müsse erst genau wissen, wohin man will, bevor man sich auf den Weg macht. Psychologisch betrachtet lernen wir ja oft erst durch unser Handeln, was uns wirklich wichtig ist. Bist du jemand, der erst nachdenkt und dann handelt – oder hast du im Laufe deines Lebens gelernt, dass man manchmal einfach losgehen muss, um überhaupt herauszufinden, wohin man möchte?
Du wirst lachen: das kann ich gar nicht so pauschal sagen. Ich denke manchmal so lange nach, dass es zu spät wird zu handeln. Angst trübt mein Nachdenken. Und dann bin ich wieder sehr impulsiv und handele aus dem Moment heraus auf eine Weise, die oft nicht klug ist.
Wenn die Angst das Denken vernebelt
Das ist eine interessante Spannung: Auf der einen Seite kann das Nachdenken durch Angst so lange blockiert werden, bis die Gelegenheit zum Handeln vorbei ist. Auf der anderen Seite gibt es diese impulsiven Momente, in denen das Handeln das Nachdenken geradezu überholt. In der Psychologie spricht man manchmal von Vermeidung und impulsiver Bewältigung – zwei sehr unterschiedlichen Reaktionen auf Unsicherheit. Du singst im zweiten Vers: „Reality and the things in my head / A strange relationship is that.“ Wie unterscheidest du heute zwischen einem Gedanken, der dich vor einer tatsächlichen Gefahr warnt, und einem Gedanken, der lediglich eine Angst in deinem Kopf widerspiegelt?
Das ist die 1 Million Dollar Frage. Mir hilft da die Ratio manchmal – aber manchmal auch überhaupt nicht. Dann brauche ich erstmal einen anderen Kontext, ein Spaziergang, einige Momente auf X, ein kurzer Dialog, irgendeine seichte Sendung angucken. Also, die Antwort ist: ich brauche dann erstmal Techniken, um den Rauch der Angst wegzublasen, der das Denken trübt.
Was wir erst durch unsere Fehler lernen
Dein Bild vom „Rauch der Angst“ gefällt mir. Du versuchst offenbar nicht, die Angst durch noch mehr Nachdenken zu besiegen, sondern schaffst dir zunächst einen anderen Zugang zur Wirklichkeit. Ein Spaziergang, ein Gespräch, manchmal sogar X oder eine seichte Fernsehsendung. Das erinnert an einen psychologischen Mechanismus, den man Perspektivwechsel nennen könnte: Wir verlassen vorübergehend den engen gedanklichen Raum, in dem sich alles um dasselbe Problem dreht. In deinem Lied heißt es: „And it's experience where wisdom is found.“ Kannst du dich an eine Erfahrung erinnern, bei der du erst im Nachhinein verstanden hast, dass du durch einen Fehler, einen Umweg oder eine schwierige Situation tatsächlich klüger geworden bist?
Ja. Das bezieht sich oft auf den Umgang mit anderen Menschen. Wo ich es unnötig mit jemandem verscherzt habe, Brücken abgebrochen habe, die ich nicht hätte abbrechen müssen. Manche Menschen haben dann auch die Zugbrücke wieder runtergelassen, wofür ich sehr dankbar bin. Das habe ich gelernt: ich bin nicht mehr so impulsiv. Das ist weiser – im Endeffekt.
Selbstkritik: Wenn der innere Dialog hart wird
Das ist eine bemerkenswerte Form von Lebenserfahrung: Nicht nur zu erkennen, dass man einen Fehler gemacht hat, sondern auch zu erleben, dass andere Menschen einem noch einmal eine Tür öffnen. Und vielleicht gehört zur Weisheit auch, diese zweite Chance nicht als selbstverständlich zu betrachten. Du singst: „Sometimes I learn by falling on my nose / And getting up again – that's how it goes.“ Mich interessiert dabei die Beziehung zwischen Selbstkritik und Selbstvergebung. Wer aus Fehlern lernen will, muss sie schließlich erst einmal als eigene Fehler anerkennen. Aber wer sich dafür dauerhaft verurteilt, macht sich das Lernen vermutlich auch nicht leichter. Wie gehst du heute mit deinen eigenen Fehlern um? Kannst du dir selbst vergeben, oder brauchst du dafür manchmal die Vergebung anderer Menschen?
Das sieht im Inneren gar nicht wie Vergebung aus. „Alter, da hast du richtig Scheiße gebaut! Wie blöd bist du eigentlich?“ Also: Fäkalsprache im inneren Dialog. Das heißt wohl: ich kann mir nicht gut vergeben. Tue mir dann aber auch leid, sehe sehr genau, dass ich mir geschadet habe.
Wie großzügig sind wir mit anderen – und mit uns selbst?
Das ist eine erstaunlich ehrliche Beschreibung. Du bist offenbar gleichzeitig derjenige, der sich beschimpft, und derjenige, der erkennt, wie sehr er unter seinem eigenen Verhalten leidet. Da ist also nicht nur Selbstkritik, sondern auch Mitgefühl mit dir selbst – selbst wenn es sich nicht wie Vergebung anfühlt. Vielleicht liegt darin eine interessante Spannung: Man kann sich selbst ziemlich hart verurteilen und trotzdem verstehen, warum man so gehandelt hat. Dein Lied endet immer wieder mit der Frage: „How about you?“ Du machst aus deiner persönlichen Erfahrung eine Einladung an andere, ihre eigenen Erfahrungen daneben zu stellen. Wenn du heute einem Menschen begegnen würdest, der gerade einen Fehler gemacht hat, den er sich selbst kaum verzeihen kann: Würdest du ihm etwas sagen, das du dir selbst in solchen Momenten nicht sagen kannst?
Das kommt darauf an, wie sehr mir dieser Mensch damit geschadet hat. So bin ich gestrickt. Wenn er mir nicht geschadet hat, dann bin ich großzügig.
Frederike Theuerbier ist ein fiktiver Interviewer. Er stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Frederike Theuerbier
