Verletzter Stolz, männliche Rollenbilder und eine Liebesenttäuschung
Der Schmerz und die Angst vor dem Gesichtsverlust
Da geht es ja ziemlich schnell zur Sache: Ein zufälliger Blick auf der Blitzbahn, eine Frau mit einem anderen Mann – und plötzlich gerät das emotionale Gleichgewicht ins Wanken. Mich interessiert besonders deine Reaktion: Du ziehst dich zurück, wirst kühl und willst dir nichts anmerken lassen. Warum ist es dem lyrischen Ich eigentlich so wichtig, dass niemand seinen Schmerz bemerkt? Geht es um verletzten Stolz, um Selbstschutz oder um die Angst, sich vor anderen eine Blöße zu geben?
Genau: die Verletzung durch die Enttäuschung ist schon groß genug, dann soll nicht noch die Verletzung oben drauf kommen, dass alle sehen, wie verletzt ich bin. Die Demütigung.
Eine Schutzstrategie aus der Jugend
Du beschreibst eigentlich eine doppelte Verletzung: Erst trifft dich die Enttäuschung, dann kommt die Scham darüber, dass andere deine Verletzlichkeit erkennen könnten. In der Psychologie würde man hier auch von einer bedrohten Selbstachtung sprechen. Man möchte wenigstens die Kontrolle darüber behalten, wie man nach außen erscheint. Ist diese demonstrative Kälte denn tatsächlich ein Schutz, der funktioniert? Oder wird sie irgendwann zu einer Art Gefängnis?
Wir reden von einem tatsächlichen Erlebnis, als ich ungefähr 16 war. Mir hat das damals geholfen, mein Selbstbild aufrecht zu erhalten – und das Bild, das ich glaubte, das andere von mir haben. Ich hatte auch keine Freundschaften, in denen ich so etwas hätte thematisieren können.
Wenn die eigene Selbstachtung auf dem Spiel steht
Mit 16 ist das Selbstbild ja noch eine ziemlich empfindliche Baustelle. Man möchte wissen, wer man ist, wie man auf andere wirkt und welchen Platz man in der Gruppe hat. Wenn du heute auf den Sechzehnjährigen zurückblickst: Empfindest du eher Mitgefühl mit ihm, weil er damals allein mit seiner Verletzung war? Oder erkennst du in seiner Reaktion auch schon etwas von deiner heutigen Persönlichkeit wieder?
Da ist definitiv etwas von meiner heutigen Persönlichkeit – wenn ich Schwäche zeige, dann kriege ich zusätzlich eins übergebraten. Ich mag mich nicht, wenn ich schwach bin, komme schlecht damit zurecht. Dass die Selbstachtung leidet, ist fast noch schlimmer als die Missachtung von außen.
John Wayne als männliches Vorbild
Da steckt möglicherweise ein ziemlich strenger innerer Maßstab dahinter. Wer entscheidet eigentlich darüber, was Schwäche ist? Ist das dein eigener Anspruch an dich selbst – oder hast du irgendwann gelernt, dass man sich keine Verletzlichkeit erlauben darf, wenn man von anderen ernst genommen werden möchte?
Ich bin sozialisiert mit hauptsächlich amerikanischen Fernsehserien. Die Jungs von Bonanza, Maxwell Smart, Daktari. Der John-Wayne-Typ. Später James Bond. Ich glaube: James Bond und John Wayne haben für mich definiert, wie man Mann sein muss. Wobei John Wayne ja durchaus auch der ist, der mal Pech in der Liebe hat, der mal ein gebrochener Typ ist. Aber auch in der vermeintlichen Schwäche ist er stark. In „The Alamo“ oder „The Man Who Shot Liberty Valance“. Diese Figur hat mich sehr fasziniert.
Die Rolle des starken Mannes
Das finde ich ausgesprochen aufschlussreich. Denn diese Heldenfiguren sind ja keineswegs alle unverwundbar. Sie kennen Niederlagen, Enttäuschungen und Verluste. Aber sie verlieren niemals ihre Haltung. Sie lassen sich nicht dabei beobachten, wie sie an sich selbst zweifeln. Vielleicht ist das ein entscheidender Unterschied: Nicht keine Schwäche zu haben, sondern sich von ihr nicht definieren zu lassen. Hat dein Lied vielleicht auch etwas mit diesem Männerbild zu tun? Ist das für dich heute noch ein Ideal – oder kannst du inzwischen auch über diesen Anspruch an dich selbst ein wenig schmunzeln?
Der 16-jährige damals hat wie eine Wayne-Figur reagiert. Er hat sich mit einem Kumpel getroffen, sie sind in eine Kneipe gegangen und haben sich zusammen betrunken. Das ging damals noch. Das hat tatsächlich für den Moment meine Welt wieder in Ordnung gebracht. Aber ich erinnere mich daran: ein halbes Jahrhundert später sehe ich sie noch da sitzen, mit einem anderen Mann. Schmunzeln kann ich nicht darüber. Ich gehe heute etwas reflektierter mit diesen Situationen um. Etwas.
Eine Erinnerung, die geblieben ist
Das ist eine ziemlich eindrückliche Erinnerung. Da sitzt also dieser Sechzehnjährige, gerade schwer getroffen, und macht das, was seine filmischen Helden vermutlich auch getan hätten: Er sucht sich einen Kumpel, geht in eine Kneipe und versucht, seine Welt wieder zusammenzusetzen. Nicht durch ein Gespräch über Gefühle, sondern durch Kameradschaft und gemeinsames Trinken. Und ein halbes Jahrhundert später ist diese Szene noch immer präsent. Vielleicht erzählt dein Lied deshalb weniger von einer verflossenen Liebe als von einem frühen Versuch, die eigene Würde zu retten. Und dass du heute reflektierter damit umgehst – zumindest ein bisschen –, ist vielleicht schon eine ganze Menge.
Frederike Theuerbier ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Frederike Theuerbier
