Über Skeptizismus und den Glauben an die Zukunft
Ein Skeptiker mit einem eingebauten Lächeln
Herr Cordes, Sie singen, dass Sie den Skeptizismus eigentlich gar nicht mögen, aber ausgerechnet bei einem anderen Menschen schätzen Sie ihn. Ist das nicht ein bisschen widersprüchlich? Und könnte es sein, dass Sie bei anderen etwas bewundern, was Sie sich selbst nicht zugestehen? Immerhin gehört doch auch ein gewisses Gottvertrauen dazu, Dinge einfach anzupacken, ohne vorher alles infrage zu stellen. Oder sehen Sie das anders?
Bei einem bestimmten anderen Menschen. Es ist dieser „im Pulverdampf ergraute“ Skeptizismus, der schon sehr viel gesehen, an sehr viel geglaubt hat: und der sehr viel den Bach runter gehen gesehen hat. Der dabei aber humorvoll geblieben ist. Meine Großeltern zum Beispiel sind unter „Preußens Gloria“ aufgewachsen, in den 1880ern geboren. Das ist eine Generation in Deutschland, die extrem viel Träume hat zerplatzen sehen. Die waren schon alt, als ich geboren wurde, aber die haben viel mit mir gemacht und ich habe sie sehr geliebt. Da ist wohl ein bisschen was hängen geblieben.
Glaube und Hoffnung trotz aller Erfahrung
Sie sprechen von Menschen, die erlebt haben, wie ganze Weltbilder zusammengebrochen sind. Und trotzdem haben sie sich offenbar nicht die Freude am Leben nehmen lassen. In christlichen Kreisen wird ja gerne vom Glauben gesprochen, vom Vertrauen und von der Hoffnung. Ihr Lied scheint dagegen eine gewisse Lebenserfahrung zu feiern, die sich nicht mehr so leicht beeindrucken lässt. Wie passt das zusammen?
Heinz Erhardt in der Verfilmung Karl Mays „Der Ölprinz“ kommt mir in den Sinn: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Und er sagt das in scheinbar aussichtsloser Lage kurz vor einem Angriff der amerikanischen Ureinwohner. In so einer Lage kann man keinen Skeptizismus pflegen, da braucht man Glaube und Hoffnung.
Ein Apfelbäumchen für die Zukunft
Das Apfelbäumchen! Sie wissen sicher, dass dieser Satz Martin Luther zugeschrieben wird. Ob er ihn tatsächlich gesagt hat, sei einmal dahingestellt. Aber der Gedanke dahinter ist doch zutiefst evangelisch: Nicht aufgeben, nicht verzagen, sondern auf Gottes Zukunft vertrauen. Kann man beides in sich tragen – die nüchterne Erkenntnis, dass vieles schiefgehen wird, und trotzdem die Bereitschaft, immer wieder ein Apfelbäumchen zu pflanzen?
Ich wollte Sie ein bisschen ärgern – ich denke aber tatsächlich bei diesem Zitat immer an die Szene mit Heinz Erhardt, die das Zitat wunderbar auf den Punkt bringt. Wollen wir sagen: Skeptizismus ist geläuterter Glaube an die Hoffnung? Weil Hoffnung einfach die einzige vernünftige Arbeitshypothese ist – in sehr vielen Situationen.
Das eingebaute Lächeln
„Geläuterter Glaube an die Hoffnung“ – das muss ich mir merken. Wobei ich als Christin natürlich sagen würde, dass Hoffnung mehr ist als eine vernünftige Arbeitshypothese. Sie ist für mich auch ein Geschenk des Glaubens. Sie singen, der Skeptizismus trage ein eingebautes Lächeln und ein eingebautes „Nützt doch nix“. Ist das Ihre Art, sich die Lebensfreude zu bewahren? Und darf man eigentlich über die eigenen Enttäuschungen lachen, ohne sie damit kleinzureden?
Man soll nicht lachen. Man kann aber über das eigene „Ich lasse mich nicht unterkriegen“ schmunzeln. Meine Großeltern haben 2 Weltkriege überstanden, mein Großvater mit schwerer Verletzung und bleibenden Gesundheitsschäden, die Inflation, Hunger, die Ermordung ihrer jüdischen Nachbarn von Staats wegen, die unmenschliche Behandlung, die den russischen Kriegsgefangenen in ihrer Stadt zuteil wurde: die staatliche Autorität als Barbar. Das war schlimm. Trotzdem haben sie ihren Glauben nicht verloren und eine gewisse innere Fröhlichkeit.
Darf man noch lächeln?
Das sind Erfahrungen, bei denen einem das Lachen wirklich vergehen kann. Was Sie von Ihren Großeltern erzählen, ist erschütternd. Vielleicht ist das tatsächlich etwas, das man heute leicht unterschätzt: eine Fröhlichkeit, die nicht aus Unbeschwertheit entsteht, sondern aus einer inneren Haltung, die sich nicht zerstören lässt. Ist das vielleicht das eigentliche Vermächtnis Ihrer Großeltern? Dass man dem Leben nicht blind vertrauen muss, um es trotzdem zu bejahen?
Na ja: was sagen Sie dazu, Schwester Herta? Darf man noch lächeln? Darf man glauben, hoffen, lieben – oder muss man unermütlich, humor- und kompromisslos für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kämpfen – wie z.B. die Kommunisten?
Glauben, lieben und sich trotzdem einmischen
Herr Cordes, jetzt wollen Sie mich aber auf eine Grundsatzentscheidung festnageln! Wissen Sie, ich halte das für einen gefährlichen Irrtum, wenn Menschen glauben, sie müssten sich zwischen Glauben und Engagement entscheiden. Jesus hat sich schließlich auch nicht aus der Welt zurückgezogen. Er hat sich eingemischt, hat Missstände angeprangert und sich mit den Mächtigen angelegt. Aber er hat auch gegessen, gefeiert, geliebt und Menschen getröstet. Er hat nicht verlangt, dass wir uns das Lächeln abgewöhnen, bis die Welt endlich in Ordnung ist. Und was die Kommunisten betrifft: Auch sie haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen soll. Aber wenn aus einer politischen Überzeugung ein kompromissloser Wahrheitsanspruch wird, dann werde ich vorsichtig. Der Glaube jedenfalls sollte uns Demut lehren, nicht Unfehlbarkeit. Ich denke an Ihre Großeltern. Vielleicht haben sie gerade deshalb überlebt, weil sie sich nicht alles haben nehmen lassen: weder den Glauben noch die Fähigkeit, sich an kleinen Dingen zu freuen. Und nun sage ich Ihnen etwas, Herr Cordes: Man kann die Welt ernst nehmen, ohne sich selbst das Lachen zu verbieten. Vielleicht ist das sogar eine ziemlich christliche Angelegenheit.
Amen, sister!
Schwester Herta ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Schwester Herta.
