Weshalb das ganz normale Miteinander mehr wert ist als jede schöne Fußgängerzone.
Eine Liebeserklärung an Rotenburg
Rotenburg an der Wümme als Gegenstand eines Songs. Das ist ja nun nicht gerade New York, Paris oder London. Was hat dich denn geritten, ausgerechnet der kleinen Kreisstadt ein musikalisches Denkmal zu setzen? Ist das Heimatliebe oder steckt da mehr dahinter?
Natürlich ist es Heimatliebe. Wobei das ja schon mal gut ist, wenn du überhaupt „Heimat“ sagen kannst zu dem Ort, an dem du aufgewachsen bist und seit den Rock & Rolling Sixties gelebt hast – mit einer signifikanten Unterbrechung. Rotenburg hat sich sehr verändert in der Zeit. Genau wie New York, Paris oder London.
Als die große weite Welt nach Rotenburg kam
Du bist also ein echtes Rotenburger Urgestein. Rock & Rolling Sixties, das klingt nach einer Zeit, in der hier vermutlich noch ganz andere Musik gespielt wurde. Aber du sagst auch, Rotenburg habe sich verändert. Was genau meinst du? Ist die Stadt heute noch der Ort, an dem du dich zu Hause fühlst? Oder singst du vielleicht auch ein bisschen über eine Stadt, die es so gar nicht mehr gibt?
Du weißt doch: Früher war ALLES besser. Nein – natürlich meine ich das ironisch. In den 60ern kam die jugendliche Subkultur nach Rotenburg, die Beatles und die Rolling Stones waren große Nummern, Elvis Presley kam als US-Soldat nach Bremerhaven, ein paar Kilometer weit weg: Rotenburg war ein Platz auf der Landkarte, der mit der großen weiten Welt verbunden war. Bei Musikhaus Vajen konntest du die Platten kaufen, später gab es in der Großen Straße den „Club Europa“, eine Diskothek, wo Musik wie Deep Purple gespielt wurde.
Der Alltag ist das Besondere
Jetzt wird's interessant! Rotenburg als Außenposten der internationalen Popkultur. Beatles, Stones, Elvis, später Deep Purple. Und mittendrin ein Musikhaus Vajen und der Club Europa. Das klingt nach einer Kleinstadt, die durchaus ihre Fenster zur Welt hatte. Aber ich möchte auf eine Stelle in deinem Lied zurückkommen. Du singst davon, dass man sich beim Kaffee im örtlichen Baumarkt hinsetzt, mit Fremden ins Gespräch kommt und das alltägliche Leben beobachten kann. Ist das deine Vorstellung von Lebensqualität? Dass man nicht ständig etwas Besonderes erleben muss, sondern dass gerade das ganz normale Leben einer Stadt ihren Wert ausmacht?
Der Alltag ist doch das Besondere, finde ich. Wo triffst du im Alltag Menschen? Das macht doch die Qualität eines Lebens aus. Früher ging die Bundesstraße 75 ungefiltert durch die Rotenburger Stadtmitte, die Große Straße: Aber allein an dieser Straße waren die Stadtschänke, der Club Europa, das Deutsche Haus, Hellbergs Kneipe am Neuen Markt. Ich habe bestimmt noch was vergessen. Da trafen sich die Leute. Es war erschwinglich, da hinzugehen, ein Getränk zu nehmen, Menschen zu treffen und zu pallavern. Gerade die Kneipen in Verbindung mit den Wochenmärkten waren Treffpunkte. Das ist vorbei – aus vielen Gründen. Und heute sind das die Bäckereien mit Cafés: auch auf den Supermarktparkplätzen und eben am Baumarkt. Da triffst du Leute.
Warum schöne Fußgängerzonen keine Begegnungen schaffen
Moment, das ist eigentlich ein ziemlich interessanter Gedanke: Die Kneipe ist verschwunden, aber das Bedürfnis nach Begegnung ist geblieben. Früher die Stadtschänke oder Hellbergs Kneipe, heute der Kaffee beim Baumarkt. Die Kulisse wechselt, die Menschen bleiben Menschen. Aber jetzt muss ich doch mal provokant werden: Ist das nicht auch ein bisschen Nostalgie? Du beschreibst eine Zeit, in der man sich offenbar leichter begegnet ist. Vielleicht war das Leben damals gar nicht geselliger, sondern einfach nur anders organisiert.
Meine Erfahrung ist, dass Stadtplanung selten etwas Gutes bewirkt hat. Sonst würde das soziale Leben ja nicht auf die großen Parkplätze ausweichen. Kopfsteinpflaster, Bänke, Geranien an den Lampen und neuerdings schöne Mülleimer – das kostet viel Geld, bewirkt aber nicht, dass Menschen sich treffen. Auch die Fußgängerzonen haben eher zu Verödung beigetragen. Autos stören in den Wohngebieten, da wo Menschen sich treffen, stören sie eher nicht. Im Gegenteil.
Was macht eine Stadt lebenswert?
Das ist jetzt aber eine Ansage an die Stadtplaner! Du stellst offenbar eine ziemlich grundsätzliche These auf: Nicht die schön gestaltete Innenstadt schafft Begegnung, sondern die Orte, an denen Menschen ohnehin ihren Alltag verbringen. Und manchmal gehört dazu sogar der Autoverkehr. Ich finde daran einen Widerspruch interessant: Wir investieren viel Geld in die Gestaltung öffentlicher Räume, aber die tatsächlichen Treffpunkte entstehen offenbar dort, wo niemand sie geplant hat. Wenn ich dein Lied höre, klingt es trotzdem nicht nach einer Abrechnung mit Rotenburg. Eher nach einer Liebeserklärung an eine ziemlich unspektakuläre Stadt. Ist das vielleicht sogar der eigentliche Punkt? Dass man nicht in einer Weltstadt leben muss, um einen guten Platz zum Leben zu haben? Und was möchtest du, dass ein Rotenburger empfindet, wenn er dein Lied hört?
Ich würde mich freuen, wenn Rotenburgerinnen und Rotenburger grinsen würden, wenn sie den Song hören. Wenn sie das tägliche Miteinander in einer Stadt wie Rotenburg als Wert erkennen würden, auf den sie stolz sein können.
Eine Liebeserklärung ohne Nostalgie
Na, das ist doch mal eine Botschaft, mit der ich etwas anfangen kann! Du willst Rotenburg also gar nicht schöner reden, als es ist. Keine Hochglanzbroschüre für den Tourismus, kein nostalgischer Rückblick auf die vermeintlich gute alte Zeit. Sondern eine Liebeserklärung an das ganz normale Leben. Und vielleicht steckt darin tatsächlich eine kleine Provokation: Wir suchen das Besondere oft in der Ferne und übersehen dabei, was direkt vor unserer Haustür passiert. Ich glaube, ich weiß jetzt, warum du ausgerechnet auf Englisch singst: Du machst aus Rotenburg einen kleinen Ort in der großen Welt. Und wer weiß, vielleicht hört ja tatsächlich jemand in New York, Paris oder London dein Lied und denkt: So einen Ort hätte ich auch gern.
Vergiss Downtown Manhattan und Soho, komm auf den Parkplatz nach Rotenburg, wo das echte Leben pulsiert!
Stefan Wagner ist ein fiktiver Interviewer. Er stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Stefan Wagner
