Anmerkungen zu „Rainer Maria Rilke: Die Einsamkeit ist wie ein Regen - Version 2026“

Frederike Theuerbier ist eine fiktive Interviewerin. Sie stellt die Fragen, Detlef Cordes antwortet. Mehr über Frederike

Rainer Maria Rilke: Einsamkeit – ein Gespräch über Nähe, Musik und das Universum

Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, vertont mit E-Gitarre. Im Gespräch geht es um die Einsamkeit in Beziehungen, die Grenzen individueller Freiheit und die Frage, ob Musik eine Antwort auf die grundsätzliche Einsamkeit des Menschen sein kann.

Wenn Nähe zu Hass wird

Rilke beschreibt eine besondere Form von Einsamkeit: Menschen sind einander körperlich nahe, können sich aber innerlich nicht erreichen. „Und wenn die Menschen, die einander hassen / In einem Bett zusammen schlafen müssen.“ Was berührt dich an diesem Bild besonders? Ist es die Vorstellung, dass Nähe und Einsamkeit gleichzeitig existieren können, oder steckt für dich noch etwas anderes darin?

Weil ich oft sehe, dass Hass sich schnell entwickelt, wenn man eng zusammenlebt. Vor allem, wenn man aus dieser Beziehung nicht herauskann: wegen der Kinder, wegen des Hauses, wegen finanzieller Abhängigkeit, sozialer Konventionen. Ach, es gibt so viel. Und das ist so traurig.

Das Leben, das man hat

Du hast die Kinder, das Haus, finanzielle Abhängigkeit und soziale Konventionen genannt. Das sind äußere Gründe, die Menschen daran hindern können, eine Beziehung zu verlassen. Was glaubst du: Was geschieht innerlich mit einem Menschen, wenn er über lange Zeit in einer Beziehung bleibt, aus der er eigentlich herausmöchte, aber nicht herauskann?

Ich glaube nicht, dass man das pauschal sagen kann. In der Geschichte der Menschheit ist das eine Luxusfrage. In vielen Teilen der Welt herrscht heute immer noch die arrangierte Ehe vor. Man muss einfach mit dem Leben klarkommen, das man hat, und hat da jemanden an seiner Seite.

Wenn Liebe im Spiel ist: Bingo! Wenn Wertschätzung sich einstellt: Glück. Wenn Hass einzieht, dann arrangiert man sich wohl meistens irgendwie, wenn der Hass offen ist.

YOLO und das Rätsel des Lebens

Rilke beschreibt die Einsamkeit als etwas, das mit den Flüssen weiterzieht. Sie ist nicht statisch, sondern bewegt sich durch die Welt. Du hast gerade gesagt, dass Menschen sich mit ihrem Leben arrangieren müssen. Glaubst du, dass ein solches Arrangement auch eine Form von innerer Einsamkeit erzeugen kann – selbst dann, wenn man sich mit dem eigenen Leben abgefunden hat?

YOLO ist ein neues Konzept in der Menschheitsgeschichte. Wenn das nicht stimmt, bitte ich um Korrektur.

Du hast dieses eine Leben: Mach das Beste draus. Das Leben ist eine große Kreuzfahrt, die du gebucht hast. Jetzt hol aber auch alles raus! Make the most of it!

In Wirklichkeit ist es doch ein fortlaufendes Rätsel. Wir alle sind letztlich allein. Wir sind kurz mal da: Wir sind Funken in der Ewigkeit und im Aufleuchten schon erloschen.

Eine kleine historische Präzisierung: Die Idee, dass man nur einmal lebt, ist keineswegs neu. Sie hat sehr alte Vorläufer, etwa das antike „Carpe diem“. Neu ist eher die heutige YOLO-Lebenshaltung als populäres Schlagwort, das durch Drake 2011/12 weithin bekannt wurde. Du beschreibst allerdings mehr als den Aufruf, das Leben auszukosten: Du beschreibst es als ein Rätsel, das wir nicht lösen können. Wir sind für einen Augenblick da, können einander begegnen, aber das Rätsel unseres eigenen Daseins bleibt letztlich bei jedem selbst.

Musik als Antwort auf die Einsamkeit

Du beschreibst uns als „Funken in der Ewigkeit“, die im Aufleuchten schon erloschen sind. Das klingt beinahe nach einer kosmischen Einsamkeit, die weit über menschliche Beziehungen hinausgeht. Nun hast du dieses Gedicht vertont. Du gibst Rilkes Worten eine Stimme und eine musikalische Gestalt. Kann Musik für dich eine Antwort auf diese grundsätzliche Einsamkeit sein? Oder ist sie eher ein Weg, sie für einen Moment gemeinsam mit anderen auszuhalten?

Ja, ich glaube, dass Musik eine Antwort auf die grundsätzliche Einsamkeit sein kann, indem sie sehr tiefe Schichten anspricht.

Viele Kulturen nutzen Musik als Eingang in eine andere Welt: die schamanischen Kulturen, das, was die aus Afrika deportierten Menschen als Sklaven in den USA praktiziert haben, was wichtig für sie war in dieser verzweifelten Situation. Das hat ihnen sicher geholfen.

Von Mozart bis zu den Sex Pistols ist Musik für Menschen eine Art und Weise, mit diesem Universum zurechtzukommen.

Musik und Rhythmus spielen in zahlreichen schamanischen Traditionen eine Rolle bei Ritualen und veränderten Bewusstseinszuständen. Auch für versklavte Menschen in den USA waren Spirituals, Arbeitslieder und gemeinsames Singen Ausdruck von Leid, Hoffnung, Glauben und Widerstand. Dabei gibt es weder eine einzige schamanische Kultur noch eine einzige Funktion von Musik. Du spannst den Bogen von solchen Traditionen über Mozart bis zu den Sex Pistols. Was geschieht deiner Meinung nach in diesem Moment, wenn Musik uns auf einer so tiefen Ebene erreicht? Ist es eine Begegnung mit etwas, das größer ist als wir selbst – oder finden wir in der Musik vielleicht gerade zu uns selbst zurück?

Wir sind größer als wir selbst

Ha! Wir sind größer als wir selbst!

Hinter dir stehen die Naturgesetze. Hinter dir steht die Evolution seit dem kosmischen Knall und der Gaswolke. Die lange, lange Reihe von Ahnen. Wie wir heute wissen: auch der ein oder andere, die eine oder andere Neandertalerin.

Das ist alles hier in dir. Das geht durch dich durch und weiter.

„Tat Tvam Asi“ ist der zentrale Satz in der Chandogya-Upanishad: Das bist du. Die Trennung, die Spaltung in Subjekt und Objekt, ist eine optische Täuschung.