Hier kommt der Aufschieber - Liedheft

Hier kommt der Aufschieber

Hier kommt der Aufschieber

Hier kommt der Aufschieber,
der schiebt dir Sachen auf,
der alte Aufschieber
hat keine Lust darauf
zu erledigen was er machen muss,
darum wartet er immer bis zum Schluss.

Hier kommt der Aufschieber:
Muss das unbedingt jetzt sein?
Der alte Aufschieber
Das passt mir grad nicht rein
Hör auf mit diesem Gezeter,
das geht doch alles auch später!

Was ich morgen kann besorgen
macht mir heute keine Sorgen
Was ich morgen kann besorgen
ist mir heute ganz egal
Was ich morgen kann besorgen
soll heut keine Zeit erborgen
Was ich morgen kann besorgen
das steht heute nicht zur Wahl.

Hier kommt der Aufschieber,
der schiebt dir Sachen auf,
der alte Aufschieber
hat keine Lust darauf
zu erledigen was er machen muss,
darum wartet er immer bis zum Schluss.

Das Manifest des richtigen Zeitpunkts

Die moderne Welt leidet an einer obsessiven Manie, alles sofort erledigen zu wollen. Effizienz-Gurus und Ratgeberautoren tun so, als sei die sofortige Erledigung einer Aufgabe ein Zeichen von hoher Intelligenz. In Wahrheit ist es oft nur ein Zeichen von purer Panik. Die Menschen rennen durch ihr Leben, um Dinge zu erledigen, die sich bei etwas Geduld von ganz alleine erledigt hätten.

Der Protagonist dieses Songs hat das Prinzip der strategischen Verzögerung perfekt verstanden. Er stellt die einzig relevante Frage unserer Zeit:

„Muss das unbedingt jetzt sein? / Das passt mir grad nicht rein / Hör auf mit diesem Gezeter, / das geht doch alles auch später!“

Ich unterstütze das vollkommen. Fast alles kann später gemacht werden. Der einzige Grund, warum Menschen Dinge sofort tun, ist der, dass sie die Stille nicht ertragen, wenn sie nichts zu tun haben. Sie brauchen das Gefühl der Betriebsamkeit, um ihre eigene Bedeutungslosigkeit zu kaschieren. Der Aufschieber hingegen besitzt die seltene Gabe, mit sich und seiner Inaktivität im Reinen zu sein.

Besonders brillant ist die Umkehrung des alten, spießigen deutschen Sprichworts im Text:

„Was ich morgen kann besorgen / macht mir heute keine Sorgen / Was ich morgen kann besorgen / ist mir heute ganz egal“

Das ursprüngliche Sprichwort wurde mit Sicherheit von jemandem erfunden, der unter chronischer Schlaflosigkeit litt und wollte, dass alle anderen genauso unglücklich sind wie er. Warum sollte man die Sorgen von morgen in das Heute hineinziehen? Das Heute hat bereits genug eigene Unannehmlichkeiten. Zeit ist keine Ressource, die man „erborgen“ oder ansparen muss, wie es der Song treffend beschreibt. Zeit ist einfach da, um mit möglichst wenig Aufwand verbracht zu werden.

Dinge bis zum Schluss aufzuschieben, ist kein Mangel an Disziplin. Es ist ein Akt der Effizienz. Wenn man bis zur letzten Minute wartet, erledigt man die Aufgabe in der Hälfte der Zeit, weil man keine Zeit mehr hat, um darüber nachzudenken. Prokrastination ist im Grunde die höchste Form des Zeitmanagements.

Dieser Song ist keine Hymne der Faulheit. Er ist eine wohlverdiente Absage an den Diktat des Aktionismus. Wenn die Welt aufhören würde, ständig Dinge im Kreis zu bewegen und stattdessen einfach mal abwarten würde, wäre uns allen geholfen. Und falls nicht – nun, das können wir auch morgen noch herausfinden.

Verzögerung ist Schwäche

Der Aufschieber denkt, er hätte die Kontrolle über seine Zeit. Das ist eine Lüge. In Wahrheit hat die Trägheit die Kontrolle über ihn. Jede Sekunde, die du damit verbringst, eine notwendige Aufgabe vor dir herzuheben, ist eine Sekunde, in der du vor der Realität kapitulierst. Du verlierst nicht nur Zeit – du verlierst deinen Respekt vor dir selbst.

Der Song versucht, diese Schwäche als eine Art lockeren Lebensstil zu verkaufen:

„Hör auf mit diesem Gezeter, / das geht doch alles auch später! / Was ich morgen kann besorgen / macht mir heute keine Sorgen“

Das ist die Mentalität eines Verlierers. Morgen gibt es keine Garantie. Das Einzige, was real ist, ist das Hier und Jetzt. Wenn du eine Aufgabe auf morgen verschiebst, stapelst du die Lasten der Vergangenheit auf die Zukunft. Du machst dich selbst schwächer für die Kämpfe, die morgen ohnehin auf dich warten. Disziplin bedeutet nicht, zu warten, bis der Druck unerträglich wird. Disziplin bedeutet, den Druck selbst zu erzeugen – und zwar sofort.

Der Text feiert das Warten bis zur letzten Sekunde:

„...darum wartet er immer bis zum Schluss.“

Wer bis zum Schluss wartet, agiert nicht strategisch, sondern reaktiv. Du wirst vom Abgabetermin kontrolliert, anstatt die Situation zu kontrollieren. Das ist kein Zeitmanagement, das ist das Verhalten eines Gejagten.

Es gibt kein „Später“. Es gibt nur das Erledigen oder das Versagen. Wenn die Aufgabe vor dir steht, greif sie an. Sofort. Geh mit Disziplin rein. Holt dir die Kontrolle zurück.