Goethe, Heine und das Leben in der Zigarettenschachtel
Gedanken zum Lied: ↗ Das Lied der Zigaretten
Dauer: 05:08
Goethe, Heine und das Leben in der Zigarettenschachtel
Eine Zigarette denkt und fühlt doch auch. Sie sitzt mit ihren Artgenossen in der Schachtel, wartet auf das Schicksal und weiß nicht, was sie draußen erwartet. Vielleicht Feuer. Vielleicht Himmel. Vielleicht einfach nur das Ende.
In meinem Lied „Das Lied der Zigaretten“ wird aus dieser absurden Vorstellung eine ziemlich menschliche Frage: Sind wir nicht alle Zigaretten in der Schachtel? Wir wissen nicht genau, woher wir kommen, warum wir hier sind und wohin wir gehen.
Goethe: Verwandlung durch Selbstaufgabe?
Goethes Gedicht „Selige Sehnsucht“ führt mitten hinein in diese Frage.
Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
Heine: Das Glück gehört auf die Erde
Heinrich Heine nimmt im „Wintermärchen“ das religiöse Entsagungslied ins Visier. Seine Kritik richtet sich gegen die Vertröstung auf eine bessere Welt, während das irdische Leben von Leid und Ungerechtigkeit geprägt bleibt. Statt das Glück auf später oder ins Jenseits zu verschieben, will Heine das Himmelreich auf Erden errichten.
Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.
Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.
Sie sang vom irdischen Jammerthal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eyapopeya vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich seyn,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.
Mich interessiert dabei eine unbequeme Frage: Ist die Sehnsucht nach Erlösung manchmal auch eine Verherrlichung des Opfers? Und wie oft wurden solche Vorstellungen von Religionen, Politik und moralischen Ideologien benutzt, um Menschen zur Entsagung zu bewegen?
Eine Zigarette, Goethe und Heine – und die Frage, ob wir uns verbrennen müssen, um irgendwo anzukommen.