Anmerkungen
Teil 1: Die Fabel und die Ohnmacht
Deine Zigarette weiß nicht, was da draußen passiert, und entscheidet sich am Ende lieber fürs „Pennen in der Schachtel“. Ist diese Figur eine Parabel auf eine verunsicherte Gesellschaft, die sich im Ist-Zustand einrichtet?
Ich sage mal so: Ruhe und Frieden für diesen Moment hier und jetzt – denn der ist schwer genug. Ich singe dabei nicht von „der Gesellschaft“, sondern von der einzelnen Person. Vereinzelung und Isolation sind ein Merkmal unserer Zeit. Wir sind alle Glimmstengel im Dunklen – ohne Utopie.
In der Schachtel herrscht Fremdbestimmung durch „die Hand des Schicksals“. Ist das deine Metapher für das Ausgeliefertsein an unsichtbare Machtstrukturen?
Das ist es. Ich habe ein paar Jahrzehnte durchlebt und kann sagen: Die Menschen haben nicht mehr – sondern weniger Kontrolle über ihr unmittelbares Lebensumfeld: Arbeit, Wohnen, Alltag. Es wird alles irgendwie geregelt. Die Würfel sind schon gefallen. „Les jeux sont faits“ sagt man in der Spielbank.
Im Text heißt es, geflüsterte Mythen erzählen davon, dass man „zum Himmel steigt“, wenn man brennt. Wolltest du hier den Mythos der romantisierten Selbstaufgabe entlarven?
Das ist das alte Lied, das Heinrich Heine im Wintermärchen besingt:
„Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.“
Religionen, Nationalismus, aber auch einseitige Moralvorstellungen singen dieses Lied sehr laut im Moment.
Teil 2: Sucht, Klasse und das Selbstgeständnis
Tabak ist heute vor allem ein soziales Schichtthema. Welchen Platz hat so eine verträumte Fabel in einer Debatte über Sucht und ökonomische Realitäten?
Es ist fies, aber das Rauchen ist statistisch tatsächlich an den Bildungsstand und damit indirekt auch an das Einkommen gekoppelt. Fies ist das, weil das Rauchen teuer ist und immer teurer gemacht wird, so dass Menschen mit wenig Einkommen prozentual wesentlich mehr für die Sucht ausgeben müssen. Und sie haben schlechtere Chancen, sich aus der Sucht rauszukaufen mit Ablenkung, Therapie oder der Änderung von Lebensgewohnheiten.
Du bezeichnest dich selbst als „Glimmstengelgemüt“, das sich die ungesunde Auszeit gönnt - wider besseres Wissen. Redest du damit das Ausweichverhalten nur schön?
Das Schönreden des Ausweichverhaltens ist meine Solidarität mit dem Alltagsmenschen – auch mit dem Alltagsmenschen in mir. Und schon die Rolling Stones sangen „What can a poor boy do ...?“ – und der Song heißt „Street Fighting Man“.
Teil 3: Nachgehakt
Ist deine Fabel eine Absage an politische Veränderung, oder soll das Bild als Wachmacher dienen?
Meine Fabel will ein Schulterklopfen im Alltag sein. Oder ein „Free Hug“. „Free Hugs“ war ja mal so ein Ding – das ich furchtbar fand. Aber in die Richtung geht das. „Guck mal, wir sitzen alle in diesem Boot und wir müssen das nicht so furchtbar ernst nehmen.“
Wie inszenierst du diese Mischung aus Alltagsmelancholie musikalisch, ohne dass es wie eine unkritische Romantisierung wirkt?
Ich habe ja oben Heine zitiert. Ich wäre froh, wenn ich durch die Romantisierung der Romantik die Romantik und ihre Märchen auf die Schippe nehmen könnte.