Grantig aus dem Bett

Artwork: Grantig aus dem Bett

Über dieses Lied

„Grantig aus dem Bett“ erzählt von einem Morgen, an dem man mit sich selbst und der Welt nicht gut zu sprechen ist. Im Spiegel begegnet einem das eigene Bild als frecher Gesprächspartner, im Kopf läuft der Film eines Lebens voller Widerstände. Schließlich mischt sich auch noch die Zahnbürste ein und kommentiert den Zustand ihres Besitzers. Ein Selbstgespräch zwischen Lebensfrust, zu viel Bier und dem Versuch, mit Kaffee, Toast und etwas weniger Druck wieder in den Tag zu finden.

Mit mieser Laune aufgestanden,
grantig aus dem Bett.
Der Spiegel guckt mich schräge an:
Halt doch das Maul, du Depp.

Im Kopf da läuft der Film mit dem Titel
"Verräter meines Lebens".
Das fing im Kindergarten an
jeder Widerstand vergebens.

Die Zahnbürste, die schmunzelt,
sie steht zerzaust im Becher.
Das ist kein Weltschmerz, sondern zu viel Bier
"Drück nicht so doll auf, du alter Rächer".

Du putzt das ganze Zahnfleisch weg,
lass mal büschen locker.
Trink 'nen Kaffe und iss 'n Toast
und mach kein' Stress du Rocker.

Anmerkungen

Grantig aus dem Bett: Was alte Kränkungen, Selbsthass und Selbstvorwürfe mit uns machen

Wenn das Spiegelbild zum Gegner wird

Detlef, in deinem Lied „Grantig aus dem Bett“ pöbelt dich dein eigenes Spiegelbild an. Warum sind wir manchmal selbst unser unangenehmster Gesprächspartner? Und warum begegnen wir uns gerade morgens gelegentlich mit einer solchen Feindseligkeit?

Ich weiß nicht, ob das allen Menschen so geht? Bei mir ist jedenfalls morgens niemand da, den ich anpöbeln könne. Zum Glück: denn sonst würde es Streit geben. Direkt nach dem Aufstehen bin ich manchmal mit mir und der Welt auf Kriegsfuß und muss das irgendwie adressieren. Und das geht dann mit Selbsthass vor dem Spiegel, typischerweise mit der Zahnbürste in der Hand.

Alte Kränkungen und das Gefühl des Verrats

In der Psychologie unterscheidet man zwischen Selbstkritik und Selbstabwertung. Bei dir scheint die schlechte Stimmung zunächst ein Ventil zu suchen. Kommen in solchen Augenblicken auch ältere Kränkungen und ungelöste Konflikte hoch? In deinem Lied läuft im Kopf ein Film mit dem Titel „Verräter meines Lebens“, der schon im Kindergarten begonnen habe. Ist das eine Übertreibung für den Song – oder steckt darin ein ernsthafter Gedanke?

Darin steckt ein ernsthafter Gedanke. Da kommt alles wahllos hoch, was mich irgendwann einmal verletzt oder gekränkt hat. Menschen, die ich als „Verräter“ empfunden habe. „Verrat“ ist eine wichtige Kategorie in meinem Innenleben. Abgeschwächt könnte man es „Enttäuschung“ nennen.

Selbstvorwürfe und die Suche nach Schuld

Du beschreibst nicht nur einen Vertrauensbruch, sondern auch Wut auf dich selbst, weil du den anderen vertraut hast. Psychologisch kann der Rückschaufehler dazu führen, dass wir im Nachhinein glauben, Warnsignale hätten uns längst alles zeigen müssen. Warum richtet sich deine Wut auch gegen dich selbst? Und könnte die Suche nach eigener Schuld ein Versuch sein, im Nachhinein wieder Kontrolle über ein Geschehen zu gewinnen, das sich damals nicht kontrollieren ließ?

Wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe, dann haben sie bewusst gegen mich gehandelt und mich die ganze Zeit, in der ich Vertrauen zu ihnen hatte, betrogen. Und meine Wut richtet sich dann gegen diese Menschen, aber auch gegen mich selbst, dass ich so dumm war, ihnen zu vertrauen.

Du hast also das Gefühl, klare Anzeichen übersehen zu haben – oder nicht sehen zu wollen. Die Psychologie kennt das Bedürfnis, durch Ursachensuche und Schuldzuweisung wieder ein Gefühl von Kontrolle herzustellen. Wie erlebst du das bei dir selbst?

Beides. Ich schwelge sozusagen in Irrationalität morgens vor dem Spiegel. Ich werfe mir vor, dass ich alle möglichen klaren Anzeichen nicht gesehen habe – oder nicht habe sehen wollen. Und ich glaube, Schuld zu suchen ist im Grunde ein altes magisches Ritual: durch die gefundene Schuld die Situation aus der Gegenwart heraus in die Vergangenheit hinein zu heilen.

Kognitive Neubewertung: Wie die Wut wieder verschwindet

Was passiert im Laufe des Tages mit dieser Wut? Verliert sie von selbst an Kraft, sobald du Abstand gewinnst, oder musst du aktiv etwas tun, um aus diesem inneren Film auszusteigen? In der Psychologie spricht man unter anderem von kognitiver Neubewertung, wenn wir eine Situation in einen anderen gedanklichen Zusammenhang stellen und sie dadurch anders erleben.

Die Wut verfliegt meistens beim Kaffee und beim Lesen. Beim Herstellen anderer Zusammenhänge. Psychologen würden vielleicht sagen: beim Aktivieren anderer Hirnbereiche.

Emotionale und rationale Anteile: erst einmal wach werden

Du beschreibst, dass die emotionalen Reaktionen morgens zunächst stärker sind als die rationale Einordnung. Wenn du dein Selbstgespräch mit etwas Abstand betrachtest: Was verrät es dir über deinen Umgang mit dir selbst? Und was würdest du jemandem sagen, der sich nach einer Enttäuschung vorwirft, zu lange vertraut zu haben?

Mir verrät das, dass ich morgens die sehr emotionalen Teile meines inneren Rechners früher wach werden als die rationalen. Dass es gut ist, dass ich dann mit niemandem spreche, sondern erst mal „wach werde“. Und ich weiß das und gestatte mir das auch. Den zweiten Teil deiner Frage kann ich nicht beantworten, denn das muss jeder für sich selbst klären. So viel: Selbstvorwürfe sind eine schlechte Arbeitshypothese fürs Leben.

Artwork: Grantig aus dem Bett