"Warum ist das kein Beweis?"
Die Mathelehrerin mit dem wunderschön rollenden bayrischen "R" blickte in unsere Runde.
Olaf meldete sich und sagte den denkwürdigen Satz:
"Was einmal so ist muss nicht immer so sein".
Mehrere Jahrzehnte ist das jetzt her,
aber ich habe genau behalten
wie er da neben mir saß und das sagte,
dabei grinste und mit den Augen blinzelte,
irritiert, weil ich so lachen musste über seinen Satz.
Gemein von mir.
Sogar wo wir saßen sehe ich noch, unsere Position im Hufeisen des Klassenraums;
ganz links vom Lehrerpult aus,
strategisch günstig im toten Winkel,
gegenüber die Fensterreihe,
wo man auf die Hauptschule nebenan gucken konnte
und daran vorbei auf die Wiesen, wo die Kühe grasten.
"Was einmal so ist muss nicht immer so sein"
und ich musste so lachen ob dieser einfachen Weisheit,
eingebettet in die Komplexität des Matheunterrichts,
dem ich überhaupt keine Böcke hatte zu folgen,
lachte auch um die Spannung zu lockern meines eigenen mathematischen Unvermögens und meiner Langeweile.
Lachte auch gegen die Angst tief unten an: wie willst du denn so das Abi schaffen?
Wie willst du denn so das Leben schaffen?
Aber Olaf war motiviert und geistig dabei
und es hat auch geklaptt mit dem Numerus Clausus
und dem Studium und der schwer erfolgreichen Praxis,
dem Haus an der Außenalster und dem Zweithaus auf Sylt.
Und eines Tages danach hat er sich umgebracht mit Tabletten.
Aber das ahnten wir damals noch nicht.
"Was einmal so ist muss nicht immer so sein"