Max Dauthendey: Will uns dieses Gedicht überhaupt etwas sagen?

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Was bedeutet „Ein Blau aus fliehenden Wäldern“? Im Gespräch geht es um Dauthendeys Gedicht „Meerwassergeruch“, impressionistische Wahrnehmung, den Vergleich mit Rilke und die Frage, ob ein Gedicht überhaupt eine Botschaft vermitteln muss.

Zwischen Sprachrausch und Sinnsuche: Warum „Meerwassergeruch“ sich jeder Deutung zu entziehen scheint

Ein Gedicht, das sich der Deutung widersetzt

Ich weiß nicht so recht, was ich von Dauthendeys „Meerwassergeruch“ halten soll: „Ein Blau aus fliehenden Wäldern / Sengend, nachtheiß.“ Es sperrt sich gegen jede Deutung. Es sperrt sich auch gegen Bedeutung. Ist das nur Wortgeklingel?

Ich vermute, Dauthendey beschreibt hier keinen Wald, sondern einen optischen Eindruck: Wälder, die in der Ferne verschwimmen und sich in bläuliche Farbschichten auflösen.

Das Entscheidende ist für mich das Wort „fliehend“. Es macht aus einer statischen Landschaft eine Bewegung.

Aber ich gebe Ihnen recht: Das Bild ist nicht eindeutig. Es will eher einen Seheindruck erzeugen als etwas erklären.

Wenn Literatur wie Malerei funktioniert

Ist das eine Parallele zu der Malerei dieser Epoche? Einen Seheindruck erzeugen? Nicht etwas „wahrheitsgetreu“ wiedergeben? Kein „Stillleben“ malen?

Ja, unbedingt. Ich würde sogar sagen: Sie berühren hier einen zentralen Umbruch der Malerei um 1900.

Denken Sie an den Impressionismus: Monet malt nicht den Baum, wie er objektiv ist, sondern wie er in einem bestimmten Licht erscheint. Der Gegenstand tritt hinter den Seheindruck zurück.

Bei Dauthendey geschieht etwas Ähnliches mit Sprache. Er malt nicht die Landschaft, sondern ihre optische und sinnliche Wirkung.

Und noch etwas: Die Landschaft wird nicht als Stillleben festgehalten. Sie ist in Bewegung, löst sich auf, verändert sich im Blick des Betrachters.

Vielleicht ist Dauthendey hier weniger Landschaftsdichter als sprachlicher Impressionist.

Allerdings: Seine radikale Bildsprache geht stellenweise schon über den Impressionismus hinaus.

Was bedeutet Impressionismus in der Literatur?

Erklären Sie kurz, was Sie in diesem Zusammenhang unter „Impressionismus“ verstehen.

 

Unter Impressionismus verstehe ich hier eine Kunstauffassung, die nicht den Gegenstand selbst möglichst objektiv abbilden möchte, sondern den flüchtigen Eindruck, den er in einem bestimmten Augenblick auf unsere Sinne macht.

Ein Baum ist dann nicht einfach ein Baum. Er erscheint im Gegenlicht, verschwimmt im Dunst oder verliert sich in der Ferne.

In der Malerei ist Claude Monet dafür ein gutes Beispiel. In der Literatur bedeutet das: Sprache versucht, nicht die Wirklichkeit abzubilden, sondern ihre subjektive Wahrnehmung.

Bei Dauthendey kommt noch etwas hinzu: Er überträgt Sinneseindrücke ineinander. Farben bekommen Temperatur, Räume werden körperlich spürbar.

Er malt gewissermaßen nicht die Landschaft, sondern den Augenblick des Sehens.

Dauthendey und Rilke: Zwei Wege der Wahrnehmung

Wie verhält sich das zu jemandem wie Rilke?

 

Das ist ein sehr interessanter Vergleich. Denn Rilke und Dauthendey stehen durchaus in einer ähnlichen literarischen Umbruchzeit, gehen aber mit der Wahrnehmung unterschiedlich um.

Dauthendey will den Eindruck festhalten. Rilke will dem Gegenstand begegnen.

Bei Dauthendey zerfällt die Landschaft in Farben, Temperaturen und Bewegungen. Die Sprache folgt den Sinnesreizen.

Bei Rilke, insbesondere im späteren Werk der sogenannten Dinggedichte, geschieht etwas anderes: Er versucht, einen Gegenstand so intensiv und präzise wahrzunehmen, dass dieser in seiner Eigenständigkeit hervortritt.

Denken Sie an den „Panther“: Rilke beschreibt nicht einfach einen Käfig und ein Tier. Er versucht, das Wesen des Panthers in seiner Gefangenschaft sprachlich gegenwärtig werden zu lassen.

Bei Dauthendey dagegen begegnen uns Bilder wie „ein Blau aus fliehenden Wäldern“. Der Gegenstand löst sich in Wahrnehmung auf.

Vielleicht könnte man sagen: Dauthendey macht die Welt zum Sinneseindruck. Rilke macht den Sinneseindruck zum Weg zum Wesen der Dinge.

Will der Dichter uns überhaupt etwas sagen?

Das ist für mich das Irritierende an Dauthendey. „Was will der Dichter uns damit sagen?“ – „Nichts?“

Vielleicht tatsächlich: Nichts. Jedenfalls nichts im herkömmlichen Sinne einer Botschaft.

Ich würde sogar sagen: Dauthendey entzieht sich bewusst der Frage nach dem „Was soll uns das sagen?“

Er möchte möglicherweise gar keinen Gedanken vermitteln, sondern einen Zustand erzeugen. Der Leser soll nicht etwas verstehen, sondern etwas erleben.

Das ist allerdings ein riskantes poetisches Verfahren. Denn wenn die Bilder keine gedankliche Richtung erkennen lassen, kann aus suggestiver Sprachkunst tatsächlich bloße Effekthascherei werden.

Vielleicht liegt der Unterschied zwischen Dauthendey und Rilke genau hier: Rilke mutet uns ein Geheimnis zu. Dauthendey mutet uns eine Empfindung zu.

Und ich bin nicht sicher, ob jede Empfindung schon ein Gedicht ergibt.

Vanessa Überall ist eine fiktive Literaturwissenschaftlerin. Detlef Cordes stellt die Fragen, Vanessa Überall antwortet. Mehr über Vanessa Überall.