Ein Gespräch müber Dinggedichte, Gefangenschaft und die Eigenständigkeit eines lebendigen Wesens
Was macht den Panther zum Dinggedicht?
In unserem Gespräch über Dauthendeys Gedicht „Meerwassergeruch“ haben Sie diesen Text mit Rilkes Gedicht „Der Panther“ verglichen. Inwiefern ist „Der Panther“ ein klassisches Dinggedicht? Der Panther ist doch kein Ding – sondern ein lebendes Wesen? Sogar ein sehr lebendiges Wesen.
Das ist ein sehr guter Einwand! Und er führt direkt zu einem Missverständnis, das der Begriff „Dinggedicht“ leicht hervorruft.
Mit „Ding“ meint Rilke nicht ausschließlich einen unbelebten Gegenstand. Entscheidend ist vielmehr die Art der Darstellung.
Ein Dinggedicht versucht, seinen Gegenstand nicht bloß zum Anlass für persönliche Gefühle des Dichters zu machen. Es will ihn in seiner Eigenständigkeit, seiner sinnlichen Präsenz und seiner besonderen Existenz erfahrbar werden lassen.
Und genau das geschieht beim Panther.
Rilke beschreibt nicht: Ich empfinde Mitleid mit diesem gefangenen Tier. Er beschreibt dessen Blick, seine Bewegungen, seine Wahrnehmung und schließlich das Aufblitzen seines inneren Bildes.
Der Panther bleibt dabei ein lebendiges Wesen. Aber Rilke versucht, uns seine Existenz so unmittelbar vor Augen zu führen, dass der Dichter selbst hinter der Darstellung zurücktritt.
Vielleicht ist das Entscheidende am Dinggedicht also nicht, dass sein Gegenstand ein Ding ist, sondern dass er nicht zum bloßen Spiegel der Gefühle seines Autors wird.
Eine persönliche Begegnung mit dem Panther
Wenn wir jetzt auf der Ebene meiner unmittelbaren Reaktion auf das Gedicht sind: Früher gastierte der Zirkus öfter im Städtchen. Auch mit Tigern. Da konnte man vor der Zirkusdarbietung die „Tierschau“ angucken: die Tiere in ihren Käfigen. Die Käfige waren Transportbehälter, ungefähr von der Fläche eines heutigen 20-Fuß-Containers. Normale LKW-Auflieger, die auch damals schon von der Bahn auf die Straße und zurück gingen. Mit den Tigern. Und die Tiger liefen darin meistens auf und ab. Ich habe das immer als ganz furchtbar empfunden. Auch Angst gehabt vor den Tigern – weil sie manchmal fauchten. Aber wenn ich mal nicht wusste, wohin mit meiner Energie, wenn mir das ganze Leben zu eng wurde, dann sagte ich: „Ich fühl mich wie so'n Tiger im Käfig.“ Ein Sinnbild für: „Eingesperrt sein“. Und als ich später das Gedicht bekam, bekam ich sofort „lustige Beine“. Dieses Furchtbare: „Ich will irgendwo hin, aber ich komme hier nicht raus.“
Jetzt verstehe ich Ihren Zugang zum Panther sehr viel besser. Und ich glaube, Sie haben gerade etwas ausgesprochen, das für die Interpretation des Gedichts entscheidend ist.
Sie bringen eine eigene Erfahrung mit, bevor Sie überhaupt Rilkes Verse lesen. Der Panther ist für Sie nicht zunächst ein Gegenstand literarischer Betrachtung. Er ist eine körperlich erinnerte Erfahrung.
Und besonders interessant finde ich Ihre Formulierung: „lustige Beine“.
Denn darin steckt etwas Tragisches: Bewegung ohne Fortkommen. Energie ohne Ziel. Ein Körper, der sich bewegen muss, aber keinen Raum hat, in dem seine Bewegung etwas bewirken könnte.
Rilke schreibt: „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht“.
Das ist beinahe Ihre Kindheitserinnerung an die Tiger im Zirkustransporter.
Aber ich möchte einen Unterschied herausarbeiten: Sie haben das Eingesperrtsein zunächst als Bedrohung von außen erlebt – die Tiere waren gefährlich, unberechenbar, eingeschlossen. Später haben Sie dieses Bild nach innen gewendet: Der Tiger im Käfig wurde zu einem Bild für Ihre eigene Existenz.
Vielleicht ist das die eigentliche Begegnung zwischen Ihnen und Rilke: Sie erkennen im Panther nicht nur das gefangene Tier, sondern Ihre eigene Möglichkeit, gefangen zu sein.
Die lähmende Kraft der Gefangenschaft
Eine lähmende Erfahrung.
Dann würde ich einen Moment bei diesem Wort bleiben: lähmend.
Das ist nämlich eine interessante Verschiebung gegenüber Rilkes Panther. Der Panther ist voller Kraft. Seine Muskeln, seine Schritte, seine geschmeidige Bewegung – alles zeugt von enormer Energie. Und doch ist diese Energie vollkommen nutzlos geworden.
Vielleicht ist das Schrecklichste an seinem Käfig gar nicht die Begrenzung des Raumes, sondern die Unmöglichkeit, mit der eigenen Lebendigkeit irgendwohin zu gelangen.
Der Panther ist nicht kraftlos. Er ist seiner Wirksamkeit beraubt.
Und vielleicht berührt uns das stärker als ein Bild bloßer Schwäche.
Warum den Panther vermenschlichen?
Warum „menschlich“ und den Tiger ausklammern? Warum nicht „Existenzsituation“?
Sie haben recht. Mit dem Wort „menschlich“ habe ich den Panther vorschnell zum Symbol für etwas anderes gemacht – und ihm damit seine eigene Existenz abgesprochen.
Dabei beschreibt Rilke zunächst das Schicksal eines lebendigen Wesens, dessen Bewegungsdrang auf eine unüberwindliche Grenze trifft.
Gefangenschaft, Ohnmacht und die Erfahrung, nicht fortzukommen, sind keine ausschließlich menschlichen Erfahrungen.
Vielleicht liegt gerade darin die Stärke des Gedichts: Wir müssen den Panther nicht vermenschlichen, um uns in seiner Situation wiederzuerkennen.
Und damit wären wir übrigens wieder beim Dinggedicht: Der Panther muss nicht für uns stehen. Er darf zunächst einmal selbst der Panther sein.
Der Dichter tritt hinter seinem Gegenstand zurück
Er ist also auch im Gedicht nicht vordringlich die Gefühle und Gedanken des Rainer Maria Rilke beim Anblick des Tigers?
Genau. Jedenfalls stellt Rilke seine eigenen Gefühle und Gedanken nicht in den Vordergrund.
Er schreibt nicht darüber, was der Anblick des Panthers in ihm auslöst. Stattdessen versucht er, die Welt aus der Wahrnehmung des Panthers heraus darzustellen.
Das ist bemerkenswert: Schon in der ersten Zeile geht es um den Blick des Tieres, nicht um den Blick des Dichters.
Allerdings sollten wir vorsichtig sein: Wir wissen nicht, was ein Panther tatsächlich empfindet. Rilke gestaltet also eine Vorstellung von dessen innerer Welt.
Der Dichter verschwindet nicht aus dem Gedicht. Er verschwindet hinter seinem Gegenstand.
Und genau darin liegt ein wesentliches Merkmal des Dinggedichts.
Wie hätte Dauthendey den Panther gesehen?
Wie wäre Dauthendey das in seinem Stil angegangen?
Ich glaube, Dauthendey hätte den Panther ganz anders wahrgenommen. Er hätte sich vermutlich weniger für dessen geschlossene Existenz interessiert als für die Sinneseindrücke, die das Tier und seine Umgebung auslösen.
Vielleicht hätte er geschrieben:
Der schwarze Leib im gelben Licht.
Ein Flimmern von Muskeln und Schatten.
Eisen riecht nach kaltem Mond.
Die Schritte kreisen, kreisen,
bis die Welt nur noch Gitter ist.
Das ist natürlich eine freie stilistische Annäherung, kein rekonstruierter Dauthendey.
Der Unterschied wäre: Rilke lässt uns den Panther sehen. Dauthendey hätte uns womöglich in eine Wahrnehmungswelt aus Schwarz, Gelb, Hitze, Geruch und Bewegung hineingezogen.
Vanessa Überall ist eine fiktive Literaturwissenschaftlerin. Detlef Cordes stellt die Fragen, Vanessa Überall antwortet. Mehr über Vanessa Überall.
