Anmerkungen
1. Warum fällt uns das Abschiednehmen schwer?
In deinem Lied „Bin gut im Weggehen“ beschreibt jemand zwei scheinbar gegensätzliche Verhaltensweisen: Er verschwindet manchmal heimlich, manchmal bleibt er viel zu lange und hilft sogar noch beim Aufräumen. Was steckt hinter diesem Widerspruch? Ist es tatsächlich der Abschied, der schwerfällt, oder eher die soziale Situation, in der man sich verabschieden muss?
Das kommt immer auf die Situation an. Es wird etwas unterbrochen, was gerade läuft. Man muss irgendwie „verbleiben“. In dem Wort steckt ja auch: Was soll bleiben – zwischen uns? „Bis zum nächsten Mal“ sage ich oft, was ja heißt: Eigentlich gehen wir nur kurz auseinander und sehen uns bald wieder. Es ist der Punkt, wo du nicht unhöflich erscheinen willst, wenn du das Zusammensein beenden möchtest, ohne den oder die anderen zu entfremden.
Anders bei größeren Zusammenkünften: Da stehst du für den Moment des Abschieds im Mittelpunkt. Du unterbrichst unter Umständen die Gespräche, die noch laufen, musst dich eventuell rechtfertigen, warum du gehst, willst nicht unhöflich erscheinen. Und du bist vielleicht müde, sitzt schon länger da auf dem Sprung und malst dir aus, was du jetzt alles falsch machen kannst, indem du gehst. Und dann schiebst du das raus.
2. Ist Abschiednehmen auch emotionale Arbeit?
Du beschreibst die Sorge, unhöflich zu wirken oder andere zu entfremden. Ist das nicht auch eine Frage gesellschaftlicher Erwartungen? Gerade Frauen wird häufig vermittelt, für die Gefühle anderer verantwortlich zu sein, aufmerksam zu bleiben und Beziehungen zu pflegen. Wird das Abschiednehmen dadurch zu einer Art emotionaler Arbeit, die manche Menschen stärker leisten müssen als andere?
Wahrscheinlich ist das so. „So, ich muss dann mal weiter.“ Ist ja aber auch schon ein Vorwand. Oft „musst“ du ja gar nicht. „Ich muss morgen früh raus.“ Gegen: „Nein, ich habe jetzt keine Lust mehr.“ Das ist ja ein richtiger Affront. Vielleicht müssen Menschen, die sich oft verletzt fühlen, da mehr arbeiten. Weil sie wissen, wie es ist, verlassen zu werden. Wie Einsamkeit drückt. Vielleicht ist es ein „Einsamkeit vermeiden wollen“, was Abschiede so schwer macht. Wenn der Abschied nicht gelingt, dann willst du mich nicht wiedersehen.
3. Wird der Abschied zum Beziehungstest?
Du sagst, dass ein misslungener Abschied bei manchen Menschen die Befürchtung auslösen kann: „Du willst mich nicht wiedersehen.“ Wird der Abschied damit zu einer Art Beziehungstest? Und könnte es sein, dass wir in solchen Momenten weniger auf das schauen, was tatsächlich passiert, als auf unsere eigenen Ängste und Erfahrungen?
Genau das ist es: Wir sind alle in unserem eigenen Film – die einen mehr, die anderen weniger. Und einige sitzen ganz allein im Kino.
4. Wie viel Verantwortung tragen wir für die Gefühle anderer?
Wenn wir alle in unserem eigenen Film leben, wie viel Verantwortung tragen wir dann für die Gefühle der anderen? Müssen wir lernen, Abschiede auszuhalten, ohne sie mit Ausreden abzufedern? Oder wäre es nicht ebenso wichtig, dass wir gesellschaftlich etwas entspannter damit umgehen, wenn jemand einfach sagt: „Es war schön, aber jetzt möchte ich nach Hause“?
Das kommt sicher darauf an, wie viel Selbstwertgefühl jemand hat, wie stark jemand in sich selbst ruht. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist: „Es war schön, aber jetzt möchte ich nach Hause“ ein Schlag in die Kerbe alter Verletzungen. Das tut weh. Und andererseits möchte man dann so etwas nicht jemand anderem zufügen.
5. Was kann ein Lied daran ändern?
Dein Lied beschreibt dieses Verhalten, ohne jemanden dafür zu verurteilen. Vielleicht ist das eine Stärke von Musik: Sie macht uns auf Eigenheiten aufmerksam, über die wir sonst kaum sprechen. Wenn du an die Menschen denkst, die sich in deinem Lied wiedererkennen – was würdest du ihnen gern mitgeben? Geht es darum, gelassener Abschied zu nehmen, die eigenen Bedürfnisse ernster zu nehmen oder einfach zu akzeptieren, dass wir im Umgang miteinander manchmal unbeholfen sind?
Sei mal ein bisschen selbstbewusster! Los, mach schon! Stell dich nicht so an! Die ironische Antwort zeigt: Es ist schwer bis unmöglich, da etwas mitzugeben. Vielleicht so: „Guck mal, mir geht das auch so. Du bist nicht allein damit.“ Sagen wir so: Vielleicht wird durch diesen Song das innere Kopfkino etwas voller, man sitzt nicht so allein im Saal.