Heinrich Heine: Mein Kind, wir waren Kinder

Live Programm: Heinelieder
Artwork: Heinrich Heine: Mein Kind, wir waren Kinder

Über dieses Lied

Entstanden in den Jahren 1822–1823 in Berlin. Heine blickt mit wehmütiger Ironie auf die unbeschwerte Kindheit zurück und verknüpft kindliche Nachahmungsspiele (wie das höfliche Plaudern mit der Nachbarskatze oder das Klagen über teure Preise) spöttisch mit den Verhaltensweisen und der Scheinheiligkeit der Erwachsenenwelt. Das Gedicht erschien 1823 im „Heimkehr“-Zyklus und 1827 im „Buch der Lieder“.

Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen ins Hühnerhäuschen,
Versteckten uns unter das Stroh.
Wir krähten wie die Hähne,
Und kamen Leute vorbei -
Kikereküh! und sie glaubten,
Es wäre Hahnengeschrei.

Des Nachbars alte Katze
Kam öfters zum Besuch;
Wir machten ihr Bückling und Knickse
Und Komplimente genug.
Wir haben nach ihrem Befinden
Besorgt und freundlich gefragt;
Wir haben seitdem dasselbe
Mancher alten Katze gesagt.

Wir saßen auch oft und sprachen
Vernünftig, wie alte Leut
Und klagten, wie alles besser
Gewesen zu unserer Zeit;
Wie Lieb und Treu und Glauben
Verschwunden aus der Welt,
Und wie so teuer der Kaffee,
Und wie so rar das Geld!

Vorbei sind die Kinderspiele,
Und Alles rollt vorbei -
Das Geld und die Welt und die Zeiten,
Und Glauben und Lieb und Treu.

Artwork: Heinrich Heine: Mein Kind, wir waren Kinder